Grand Egyptian Museum: Hier wird eine Hochkultur imitiert

Das neue Grand Egyptian Museum mit der Sammlung Tutanch­­­- amuns wird als Kulturkomplex der Superlative gefeiert. Der ehemalige Direktor des Kunsthistorischen Museums Wien, der Ägyptologe Wilfried Seipel, sieht den Monumentalbau skeptisch.

Gerald Matt
5 Minuten Lesezeit
Das Grand Egyptian Museum bei Gizeh wurde Anfang November eröffnet und sieht sich als „Ägyptens neues Weltwunder“ (Foto: Shutterstock)

Am 1. November eröffnete das Grand Egyptian Museum (GEM) westlich von Kairo und Gizeh unter Teilnahme von Königen, Staatschefs und internationaler Prominenz. Das GEM ist eines der weltweit größten und ambitioniertesten Museumsprojekte unserer Zeit. Der von den irischen Architekten Heneghan Peng neben den Pyramiden von Gizeh geschaffene Kulturkomplex der Superlative soll das alte Ägypten in zeitgenössischem Gewand neu und spektakulär präsentieren. Auf über 500.000 Quadratmetern werden mehr als 100.000 Objekte präsentiert, darunter erstmals alle Funde aus dem Grab Tutanchamuns in einer faszinierenden, modernen Inszenierung. Ägyptens „Neues Weltwunder“ stößt jedoch auch auf Kritik: Den enormen Kosten stehen  soziale und wirtschaftliche Probleme des Landes gegenüber und dem ohnehin sensiblen Weltkulturerbe Ägyptens droht durch zusätzlichen Tourismus weitere Belastung.

Anlässlich der Eröffnung des Großprojektes sprach CALL-Autor Gerald A.Matt mit Wilfried Seipel, dem ehemaligen Direktor des Kunsthistorischen Museums in Wien, einem der führenden Ägyptologen und Kenner der ägyptischen Kultur. 

Was war Ihr erster Eindruck vom Grand Egyptian Museum?

Es ist überwältigend, wenn man hineinkommt, in eine riesige, einem Flugzeughangar ähnliche Halle gigantischer Größe, die aber die Objekte, die präsentiert werden sollen, leider verschwinden lässt. Der erste Eindruck ist großartig und das war ja wohl auch der Zweck mit diesem Bau, der ja als das größte archäologische Museum der Welt gilt, hier eine neue Pyramide des Präsidenten Abd al-Fattah as-Sisi zu errichten. Es ist jedoch die Frage, ob es der Sinn eines Museums ist, mit überbordender Architektur eine Hochkultur mit ihren gewaltigen Pyramiden und riesigen Tempeln zu imitieren. Hätte man nicht besser den Versuch wagen sollen, den Geist, den Spirit der ägyptischen Kultur auf subtilere Weise als mit großen Beton- und Stahlkonstruktionen zu veranschaulichen?

Das Grand Egyptian Museum bei Gizeh (Foto: Shutterstock)
Das Grand Egyptian Museum bei Gizeh (Foto: Shutterstock)

Ihre Kritik zielt darauf, dass sich die Architektur wichtiger nimmt als das, was sie zeigen soll.

Ja, das ist ja heute überhaupt ein Trend  in der Museumsgeschichte. Seit etwa 25 Jahren sind die Museen zum Objekt einer neuen architektonischen Begierde geworden. Jeder Architekt versucht mit seinem Museum nicht die Objekte, sondern seine architektonische Gestaltung in den Mittelpunkt zu rücken. Die Frage ist nur, ob man heute in ein Museum geht, um die Architektur zu bewundern oder ihrem ursprünglichen Zweck entsprechend auch die Objekte und deren Botschaft.

Bei aller Kritik: Was wurde gut gemacht? Was sind die Highlights, die Sie dann doch fasziniert haben?

Großartig ist der Versuch, auf diese Weise ägyptische Kunst und Kulturgeschichte in das Bewusstsein einer breiten Öffentlichkeit zu bringen. Nach der Eröffnung kamen fast 20.000 Besucher jeden Tag.  Das ganze Museumsprojekt, das von den Ägyptern stolz als das größte Museum der Welt bezeichnet wird, ist jedenfalls eine anerkennungswerte Leistung. Ich bin nur misstrauisch, ja skeptisch, wenn die Gestaltung über den Inhalt gestülpt wird. Das Highlight in diesem Museum sind ja nicht die großen Hallen, sondern insgesamt neun Galerien mit ägyptologischen Schwerpunkten und da allen voran die Galerie Nummer sieben. Sie ist ganz Tutanchamun und seinen rund 5.300 Objekten gewidmet. Das ist das erste Mal, dass die ganzen Grabschätze des Tut­anchamun an einem Ort zu sehen sind, sodass es einem den Atem verschlägt. Die Beschriftungen sind etwas überraschend, nämlich dreisprachig: Englisch, Ägyptisch-Arabisch und Japanisch. Das als kleiner Dank an Japan, weil die Japaner haben an die 600 Millionen, also zwei Drittel der Gesamtkosten, vorausfinanziert. Was man aber auch nie vergessen darf: Die ägyptische Kunst und was wir in den Museen sehen, ist eine dem Jenseits zuzuordnende Ausformung. Die Maske des Tutanchamun war eine Totenmaske. Und alle die Objekte seines Schatzes waren Grabbeigaben und dafür bestimmt, im Jenseits eine entsprechende Weiter­existenz zu ermöglichen. Der Respekt davor droht leider in den Massen der Besucher unterzugehen.

Das Museum blickt auf eine überaus lange, 40-jährige Planungsphase und Bauzeit zurück. Es scheint ein Wunder, dass es doch fertiggestellt wurde. 

Ich erinnere mich noch gut, wie der Architekt Hans Hollein (Anm.: 2014 verstorben) bei mir war und mir einen Entwurf für dieses Museum gezeigt hat, den ich sehr eindrucksvoll und aufregend gefunden habe. Später hat das österreichische Architekturbüro Coop Himmelblau  unter mehr als 1.600 Einreichungen den zweiten Platz gemacht. Ich war schon 2013 zur Museumseröffnung eingeladen. Ja, es war eine unendliche Geschichte, die durch den arabischen Frühling, die Revolution und finanzielle Probleme Ägyptens immer wieder auf die lange Bank geschoben wurde. Aber nichtsdestotrotz, Präsident Abd al-Fattah as-Sisi hat es geschafft, mit diesem Pyramidenbau der Moderne die Aufmerksamkeit der Welt auf Ägypten zu lenken. Das kann man ihm nur positiv anrechnen. Die Finanzierungsfrage ist eine andere.

Monumentalbau: Das neue Grand Egyptian Museum (Foto: Shutterstock)
Monumentalbau: Das neue Grand Egyptian Museum (Foto: Shutterstock)

Inwieweit spiegelt das Museum für Sie als erfahrenen Ägyptologen auch die Veränderungen in der Wissenschaft wider?

Die Ägyptologie, die ja nun seit rund 200 Jahren als Wissenschaft besteht, hat sich durch die zunehmende Anzahl und Qualität an Funden verändert, präzisiert. Was das Museum betrifft, sieht es sich als Aushängeschild der ägyptischen Wissenschaft. Interessant ist dabei die Reaktion einer Ägyptologin in Berlin auf das GEM. Für sie sind die vielen Objekte, die wir vielleicht früher noch nicht gekannt haben, primär ein Hinweis darauf, die Herkunft von auf unredliche Weise ins Ausland verbrachten Objekten zu rekonstruieren und diese wieder zusammenführen.

Lassen Sie mich die Frage der Herkunft ansprechen. Da kommt man insbesondere um die Frage nach der Restitution der berühmten Nofretete in Berlin nicht herum. 

Die Nofretete wurde derartig medial gehypt, dass es schwierig ist, objektiv darauf zu antworten. Es ist überhaupt keine Frage, dass die Ausgrabung von Ludwig Borchardt in Ägypten und die Fundteilung völlig rechtmäßig erfolgt ist. Ägypten wurde hier sicher nicht um einen wichtigen Schatz betrogen. Die Ägypter entschieden sich damals für eine Altartafel aus der Zeit Echnatons, aus der Zeit des Gemahls der Nofretete, und die Statue der Nofretete ging an die Berliner. Dies war auch gesetzlich durch das damalige Antiken-Gesetz gedeckt. Heute zu sagen, dass die Nofretete im GEM fehlt, ist rein populistisch, weil sie in Berlin eine viel größere und wichtigere Funktion hat als in Ägypten.

Nun noch zum altehrwürdigen Nationalmuseum am Tahrirplatz, der alten Heimstätte der ägyptischen Schätze. Was soll sich jemand zuerst anschauen, wenn er nach Kairo fährt: das Nationalmuseum oder das GEM?

Meine Antwort als Ägyptologe ist klar: Unbedingt zuerst das Nationalmuseum am Tahrirplatz. In dem alten Museum, das immer zu Unrecht als Rumpelkammer verschrien war, sind noch immer die wichtigsten Objekte der ägyptischen Kunstgeschichte oder Geschichte zu sehen. Dort kann man die berühmte Narmer Palette sehen, das wichtigste Objekt vom Beginn der ägyptischen Geschichte. Man zeigt dort den Falken Chephren, das ist der Inbegriff der ägyptischen Skulptur des Königtums des Pharaos. Oder die großen Statuen, die den König Echnaton zeigen, Hermenophis IV., mit ihrer merkwürdigen Gestaltung, die aus seinem Tempel in Karnak stammen. Davon ist im neuen Museum nichts zu sehen. Man könnte im Nationalmuseum beginnen und einen Rundgang machen, sich einführen lassen in die Kulturgeschichte und Kunstgeschichte Ägyptens, weil das sehr schön chronologisch aufgebaut ist. Und dann hinüber in das GEM, um sich von der Architektur beeindrucken und natürlich vom Tutanchamun-Schatz verzücken zu lassen. 

Sehen Sie das neue Museum auch als Identitätsstifter?

Ja, auf jeden Fall. Es ist interessant zu sehen, wie sehr sich jetzt das politische oder auch das religiöse Verhältnis des islamischen Ägypten zum pharaonischen Ägypten geändert hat. Ich wollte dem damaligen österreichischen Botschafter vor 20 Jahren ein Museum in Mittelägypten zeigen. Das war in einem Rathaus der Stadt Minya untergebracht und von einem Polizeikordon umringt. Wir durften nicht hinein. Eine Woche später gelang es mir, es zu betreten. Das Museum war verwüstet, die Vitrinen zerstört, die Särge zerhackt. Es war das Werk einer Gruppe von Islamisten, die die Verehrung des pharaonischen Ägyptens als Götzen­dienst ansahen. Man muss meinem Freund Sahih Hawass, dem Ägyptologen und langjährigen Kulturminister in Ägypten, danken, der es geschafft hat, die pharaonische Kultur den Kindern in den Schulen und dann auch den Studenten auf den Universitäten als einen wesentlichen Beitrag zur Werdung und Identität der ägyptischen Nation begreifbar zu machen.

Sie waren sehr oft in Ägypten. Was lieben Sie besonders an dem Land?

Ich liebe die Menschen, ich liebe die Landschaft und ich liebe diese Verquickung mit der Vergangenheit. Wenn man Zeit hat und durch die Wüste fährt, abseits der Touristenströme, die Pyramide von Dashur oder Meidum besichtigt, wenn man durch die durchfluteten Felder des Nil-Deltas mit seinen Palmen wandert, das sind unübertreffliche Eindrücke, die eben Ägypten von allen anderen Ländern der Welt unterscheiden. 

© 2026 PANAREA Studios, Vienna. The House of CALL Magazine.
Diese Story wurde erstmals im CALL Magazin 05/2026 veröffentlicht.

Artikel teilen
Gerald Matt ist Kunstexperte, Kurator, TV-Moderator und der ehemalige Direktor der Kunsthalle Wien. Er schreibt als Autor für CALL über Kunst und ist Mitglied des CALL Advisory Boards und der CALL 100-Jury.