Markus Schinwald pflegt als Künstler immer wieder gerne zu irritieren. Köpfe, Körper und Alltagsobjekte werden deformiert, chirurgisch transformiert oder bandagiert, als hätten sie sich dem Blick widersetzt. Schinwalds Arbeiten sind intellektuell rigoros, sinnlich erfahrbar und immer auf der Schwelle zwischen Ordnung und Anomalie – ein Spiel mit Wahrnehmung, Geschichte und der Macht der Bilder.

Von der Totalen zum Close-up. Nun gestaltete er für das Museum für angewandte Kunst (MAK) in Wien auf Einladung von MAK-Generaldirektorin Lilli Hollein die Sammlung „Wien 1900” neu und liefert damit eine spektakuläre Schau, die eher wie ein sorgfältig komponierter Film als eine klassische Museumspräsentation wirkt. Kein linearer Gang durch Epochen, sondern ein Wechselspiel zwischen Nähe und Distanz: mal Totale, mal Close-up, wie in einem Drehbuch, das die Wiener Moderne neu seziert und sich mit ihr verknüpft, statt sie bloß abzubilden. „Die Brennweite, die die musealste ist, ist das Makro-Objektiv“, erklärt Schinwald seine perspektivische Sichtweise. „Wie das Close-up im Film.“
So springt er zwischen den Brennweiten der Sammlung. Das Entree bildet die in Wellen geschwungene monumentale Fassade des Pavillons zur Weltausstellung von Josef Hoffmann nach, die in kleinteilig gestaltete Vitrinen übergeht. Besteck ist sorgsam vertikal in beleuchteten Glaskästen aufgereiht, Figuren aus einer Prozession von Johanna Maria Hollmann oder Postkarten von Mela Koehler finden sich versteckt hinter einer in die Wand eingelassenen Metalltür, die man erst öffnen muss, so wie Dutzende Schubladen, in denen sich Werke der Zeit verbunden mit kontextuellen Erklärungen befinden.

Das Instagram der Jahrhundertwende. Hunderte Postkarten der Wiener Werkstätte, sorgsam auf einer Wand platziert, mutieren zum Instagram der Vergangenheit und verschwinden, wenn man als Betrachter die Perspektive ändert. „Soziale Medien gab es schon um 1900. So hatte die Postkarte eine Instant-Funktion, denn die Post wurde in Wien damals gleich mehrmals täglich zugestellt”, erzählt Schinwald bei einer ersten Führung durch die Ausstellung. Man habe am Vormittag per Postkarte jemand zum Abendessen einladen können, die Antwort kurz nach Mittag erhalten, um dann am Nachmittag Zeit und Ort zu fixieren.
Das MAK besitzt einen der bedeutendsten Bestände zur Wiener Moderne weltweit: mehr als 700 Objekte erzählen von einer Zeit, in der Kunst, Design und Alltag untrennbar waren. Das Museum und die 1863 gegründete Kunstgewerbeschule – heute Universität für angewandte Kunst Wien – waren Keimzellen für Bewegungen wie die Wiener Werkstätte und Wegbereiter für internationalen Einfluss. Die Idee des Gesamtkunstwerks war hier keine Utopie, sondern Praxis: eine permanente Wechselwirkung zwischen Architektur, Malerei und angewandter Kunst.

Die Erfindung der Icons. Eine Wand weiter zeigt die Ausstellung die „Erfindung der Icons”, so Schinwald. Bedeutende Künstler, Architekten und Gestalter der damaligen Zeit hätten Ornamente geschaffen, die Vorläufer moderner Logos und Icons waren. Etliche davon, von Koloman Moser bis Josef Hoffmann gestaltet, wirken heute noch höchst modern.
In Schinwalds Neuinszenierung wird Wien 1900 zum hybridisierten Kosmos: Einflussgrößen wie der Historismus oder frühe elektrische Urbanität tauchen als Themen auf, die nicht nur historische Reflexe bieten, sondern unsere heutige visuelle Kultur mit erschaffen haben. Einzelobjekte stehen nicht länger isoliert, sie bilden ein Geflecht von Blickebenen und Bedeutungsräumen.
Wir erleben eine Zeit, wo Selbstverständlichkeiten nicht mehr selbstverständlich sind. Ich wollte erkunden, ob es damals einen Umgang mit der Finsternis gab, der heute noch brauchbar ist.
Zwei Jahre Arbeit. Zwei Jahre hat Schinwald der Neuerschaffung der drei Ausstellungsräume gewidmet, „naiv-enthusiastisch” habe er „anfangs den Ball aufgenommen”, den ihm MAK-Generaldirektorin Lilli Hollein „zuwarf”. Er sei in diesen zwei Jahren mehr Historiker geworden, als er geplant hatte. Und dann sagt Schinwald, der bei der ersten Führung durch die Ausstellung immer wieder mit den Worten ringt, Beachtliches: „Wir erleben eine Zeit, wo Selbstverständlichkeiten nicht mehr selbstverständlich sind. Ich wollte erkunden, ob es damals einen Umgang mit der Finsternis gab, der heute noch brauchbar ist.” Wenn uns heute gewisse Dinge wichtig sind, fügt er hinzu, müssen wir auch heute darauf schauen, dass sie so bleiben. Und mit einem Mal wird „Wien 1900” aktueller denn je.

Geschickt und elegant kombiniert Markus Schinwald in der Ausstellung moderne Technologie mit historischen Darstellungsformen. Er hat die Räume als Erlebnisräume konzipiert, in denen Objekte nicht nur stehen, sondern erzählen. Eine LED Wall taucht alte Schwarz/Weiß-Fotografien von Sälen, Räumen und Möbeln mittels Künstlicher Intelligenz in Farbe. So kann man sich erstmals real vorstellen, wie die Künstler, Designer und Architekten dieser Zeit Farbe eingesetzt haben. Erstaunlich: sie nutzten sie intensiv und auffallend.

In enger Zusammenarbeit zwischen Schinwald und dem MAK-Team entfaltet sich so eine Präsentation, die unsere Wahrnehmung herausfordert: Möbel, Textilmuster, Glaswaren und Stadtlandschaften sind keine Insignien vergangener Ästhetik, sondern Wegweiser in eine Gegenwart, die in den Ideen von 1900 noch lange nicht endete. Schinwalds Ansatz bricht mit chronologischen Gewissheiten, indem er Objekte in assoziative Beziehungen setzt und so Querverbindungen schafft, die nicht nur ästhetische Debatten nachhallen lassen.

Der letzte Raum ist den Frauen gewidmet: „Wir wollten die Rolle der Frauen in der Wiener Werkstätte erstmals deutlicher herausarbeiten”, sagt MAK-Generaldirektorin Lilli Hollein. Sie setzt die Tradition ihres Vorgängers Peter Noever mit Markus Schinwald fort, zeitgenössische Künstler einzuladen, Schausammlungen des MAK neu zu gestalten und zu interpretieren. „Markus ist jemand, der mit der Geschichte spielt und so die Vergangenheit für ein heutiges Publikum zum Leben erwecken kann. Beeindruckend ist die Tiefe: Er hat sich mit jedem einzelnen Objekt auseinandergesetzt – ein toller Dialog für das MAK.”

Gustav Klimts neunteilige Werkzeichnung für den „Stoclet-Fries“. Die Ausstellung entfaltet sich in 18 thematischen Kapiteln: von intimen Miniaturwelten aus Spitze über Bewegtbild bis zu Gustav Klimts neunteiliger Werkzeichnung für den Stoclet-Fries in neuer Kontextualisierung, sicher jenes Werk, das die Touristen am meisten anziehen wird. Davor lädt eine meterlange Sitzbank dazu ein, das Werk in seiner monumentalen Größe auf sich fast meditativ wirken zu lassen.

„Wien 1900” zeigt eindrucksvoll, wie sehr diese Stadt um 1900 ein lebendiger Knotenpunkt künstlerischer Ideen war und geblieben ist. In dieser großartigen Neuaufstellung begegnet man der Wien-1900-Ära nicht als musealem Artefakt, sondern als lebendiger Architektur des Denkens. Ein Ort, an dem Vergangenheit und Gegenwart im permanenten Dialog stehen.




