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CALL Magazine > Lifestyle > Markus Müller: Patienten mit ALS werden wieder sprecehen können
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Markus Müller: Patienten mit ALS werden wieder sprecehen können

Der Rektor der Medizinischen Universität Wien, Markus Müller, über die bahnbrechenden Innovationen, die uns erwarten. Wie ein Gerät, das die Hirnströme von ALS-Patienten, die nicht mehr sprechen können, erfasst und in Sprache umwandelt.

Georg Kindel
Georg Kindel  - Chefredakteur vor 2 Tagen
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4 Minuten Lesezeit
Univ.-Prof. Dr. Markus Müller, Rektor der Medizinischen Universität Wien, im historischen Hörsaal (Foto: CALL Magazine/Anna Raisa Illic)
Univ.-Prof. Dr. Markus Müller, Rektor der Medizinischen Universität Wien, im historischen Hörsaal (Foto: CALL Magazine/Anna Raisa Illic)
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Sie haben bei unserem letzten Gespräch für das CALL Trends-Special 2025 erzählt, dass neue Medikamente das Arteriosklerose-Risiko so massiv senken werden, dass künftig wohl 50% aller kardiovaskulären Todesfälle wie Herz­infarkt vermieden werden können.

Derartige Medikamente gibt es bereits, es sind unter anderem sogenannte PCSK9-Hemmer (Anm.: sie senken das „schlechte“ LDL-Cholesterin), die aber noch so teuer sind, dass man sie vorerst nur als „Last Line“-Therapie einsetzt, d.h. wenn andere Arzneimittel nicht ausreichend wirken. Das Therapieprinzip könnte sich in Zukunft breit durchsetzen und eine Revolution auslösen.

Wenn man die Behandlungskosten von Patienten mit Bluthochdruck oder Herzinfarkt ansieht, müsste es – volkswirtschaftlich gesehen – die kostengünstigere Variante sein. 

Das könnte so sein. Aber die Finanzierung des Gesundheitssystems ist derzeit noch nicht abgestimmt darauf ausgrichtet, ob in einem anderen Finanzierungstopf Geld eingespart wird, z.B. weil weniger Bypass­operationen gemacht werden müssen. 

ALS-Patienten verlieren motorisch, durch Lähmung der Muskulatur, die Fähigkeit zu sprechen. Nun wurde ein Gerät entwickelt, das an der Hirnoberfläche dieser Patienten die Hirnströme erfasst und innerhalb von nur fünf Tagen die Kommunikationsfähigkeit eines Patienten wiederherstellt: Er kann sich mit einem Lautsprecher unterhalten.

Was ist das nächste Big Thing, das die Medizin revolutionieren wird?

Stephen Hawking war ein bekannter Patient mit ALS, einer schweren Nerven­erkrankung. Er konnte denken, aber nicht mehr sprechen, weil – vereinfacht gesagt – die Nerven vom Hirn zum Kehlkopf gelähmt waren. Diese Patienten verlieren motorisch, durch Lähmung der Muskulatur, die Fähigkeit zu sprechen. Rezent wurde ein Gerät entwickelt, das an der Hirnoberfläche dieser Patienten die Hirnströme erfasst und erkennt, welcher Hirnstrom zu welchem Wort führt. Die Entwicklung ist mittlerweile so weit, dass innerhalb von nur fünf Tagen – wie eine Studie gezeigt hat – die Kommunikationsfähigkeit eines Patienten wiederhergestellt werden konnte. Der Patient war am Tag fünf in der Lage, mit einem Lautsprecher das, was er denkt, zu artikulieren und sich zu unterhalten. Was für eine Innovation! Und die Interaktion Mensch und Computer steht erst am Anfang.

Markus Müller, Rektor der MedUni Wien, in seinem Büro (Foto: CALL Magazine/Anna Raisa Illic)
Markus Müller, Rektor der MedUni Wien, in seinem Büro (Foto: CALL Magazine/Anna Raisa Illic)

Sie erweitern massiv Ihren Campus, um Raum für Innovation zu schaffen: mit dem Eric Kandel Institut, dem Center for Translational Medicine und dem Campus Mariannengasse. 

Wir wollen die Zukunft der Medizin an der MedUni Wien gestalten. Das Eric Kandel Institut, das 2026 eröffnet wird, wird Grundlagenforschung für Präzisionsmedizin betreiben. Die neue Forschungsinfrastruktur schafft optimale Rahmenbedingungen für digitale und personalisierte Medizin. Es geht dabei u.a. um Molekularbiologie, AI, biomedizinische  Forschung. Der Campus Mariannengasse bringt die Vorklinik näher zum Allgemeinen Krankenhaus, wir werden 2027 dort einziehen. Die MedUni Wien hat ja rund 8.000 Studierende. Im Center for Translational Medicine werden ab 2026 Patienten im Rahmen klinischer Studien behandelt, mit neuen Methoden, die noch nicht Routine sind. 

Wir wollen die Zukunft der Medizin an der Med-Uni Wien gestalten und Patienten mit neuen Methoden behandeln.

Bei experimenteller Medizin setzen Sie neue Behandlungsmethoden ein, die noch nicht zugelassen sind. Gerade in der Krebstherapie hoffen ja viele, in solche Studien  zu kommen.

Die Onkologie ist wahrscheinlich die Disziplin, wo es die größte Erfahrung mit Präzisionsmedizin gibt. Das betrifft vor allem Patienten, die in der Regel schon mehrere Therapien erhalten haben und es keine zugelassenen Therapien mehr gibt. Wir werden noch vor dem Sommer 2026 einziehen, das Center for Translational Medicine wird 14.000 m2  haben. 

Es entsteht auch ein Ignaz Semmelweis Institut für Infektionsforschung.

Dieses Institut ist ein Kind der Pandemie mit dem Ziel die österreichweite Infektionsexpertise gemeinsam mit den drei anderen medizinischen Universitäten und der VetMed Uni zu bündeln. Was in Österreich noch etwas unterentwickelt ist, sind die realen Möglichkeiten der ökonomischen Nutzung von Forschungsergebnissen: Wenn man Krankheitsforschung vorantreibt, mit neuen Methoden, und experimentelle Therapiemöglichkeiten, dann entsteht fast auch immer Intellectual Property. Und die wollen wir durch Firmenausgründungen bzw. Ansiedlung bestehender Firmen noch beflügeln. 

Lassen Sich Intellectual Property Rights in der Medizin einfach schützen?

Was traditionell am leichtesten natürlich zu schützen ist, ist Chemie, wenn Sie ein neues Molekül entwickelt haben. Aber auch einen Code können Sie schützen lassen. Eine große Domäne der Zukunft werden Zelltherapien sein. Man entnimmt einem Patienten meist eigene Zellen, die werden außerhalb des Körpers umprogrammiert und dann wieder in den Körper zurückgeführt. An unserer Universität wurde vor Kurzem ein Patient mit einer Autoimmunerkrankung erstmals erfolgreich mit einer CAR-T Zell-Therapie behandelt. Wir haben dafür eine neue GMP-Facility (Anm.: Good Manufacturing Practice) aufgebaut, eine industrielle Zellproduktionsanlage. 

Die nächste Pandemie ist nur eine Frage der Zeit. Bei neuen Erregern weiß niemand genau, aus welcher Ecke sie kommen.

Berühmte Vorgänger: Prof. Müller vor dem Bild des Professorenkollegiums der Wiener Medizinischen Fakultät (Foto: CALL Magazine/Anna Raisa Illic)
Berühmte Vorgänger: Prof. Müller vor dem Bild des Professorenkollegiums der Wiener Medizinischen Fakultät (Foto: CALL Magazine/Anna Raisa Illic)

Ist die nächste Pandemie nur eine Frage der Zeit?

Ja. Ausschlaggebend sind einerseits das Bevölkerungswachstum und die hygienischen Verhältnisse im Umgang mit Tieren, z.B. Großtierzucht, vor allem in China. Warum muss man sich z.B. jährlich gegen andere Influenza-Viren impfen lassen? Durch Abstriche bei Tieren wird jährlich der häufigste Influenza-Stamm bereits im Vorhinein identifiziert. Auf dieser Basis wird die saisonale Grippe-Impfung entwickelt. Nur selten kommt es zu Fehlprognosen. Daher weiß man bereits relativ früh, dass eben ein spezifischer Stamm von Tieren auf den Menschen „überspringen“ wird. Bei anderen, neuen Erregern weiß niemand genau, aus welcher Ecke sie kommen. Die größte Gefahr kommt sicher von Erregern, die wir heute noch nicht kennen, COVID ist ein bekanntes Beispiel eines Virus, das zuvor noch nie mit dem menschlichen Organismus in Kontakt gekommen ist.

Ist Österreich für eine Pandemie gut gewappnet?

Nein. Wir waren gar nicht gewappnet. 

Wie weit kann Ihr geplantes Ignaz Semmelweis Institut die Situation künftig verbessern? 

Österreich braucht eine kompetente Institution, an der die gesamte Infektionsexpertise gebündelt ist. Mit dem Virologen Florian Krammer (Anm.: Professor an der Icahn School of Medicine in New York, derzeit Teilzeit-Professor in Wien, wird ganz an die MedUni wechseln) ist das Institut im Fall einer künftigen Pandemie auch eine wichtige Anlaufstelle. Aber es ist primär nicht als Pandemieabwehr-Institut konzipiert, sondern als Forschungsinstitut, das aber auch auf dem modernsten Stand der Forschung und Technik ist und im Krisenfall natürlich beistehen und steuern kann.

© 2026 PANAREA Studios, Vienna. The House of CALL Magazine.
Das Gespräch wurde erstmals im CALL Magazin 05/2026 veröffentlicht

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Von Georg Kindel Chefredakteur
Georg Kindel ist Chefredakteur von CALL.
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