Es begann mit einem Zoom-Interview, New York – Wien. 40 Minuten hatte ich dafür berechnet, eine Zeitspanne, die normalerweise ausreicht für ein wenig Background, ein paar tiefer gehende Themen, vielleicht ein paar Anekdoten, damit dem Leser nicht langweilig wird. Die Meilensteine einer steilen Karriere im Alter von 32, Paris, New York, Hollywood. Die Serie mit Nicole Kidman, „Nine Perfect Strangers“, Erfolge in Frankreich, die vor ihm nur eine einzige Österreicherin feierte, Romy Schneider. Die Klischees eines Stars, der von der amerikanischen Filmindustrie gefeiert wird, im eigenen Land jedoch unerkannt leben kann.

Ein Tor in seine Seele. Er hat alles über den Haufen geworfen, schon bei der ersten Frage nach dem Familienhintergrund, dem Aufwachsen in Wien. Die Frage war als leichter Einstieg geplant, stattdessen öffnete sie ein Tor in seine Seele. Aus den 40 Minuten wurden 98. Und doch war keiner von uns zufrieden. Angerissene Themen, unfertige Storys, wir spürten, dass das erst der Anfang war. Mehrere E-Mails später trafen wir uns zur Fotosession in der Wiener Urania. In der Sternwarte griff er nach den Sternen, auf dem Dach wurde er zum Schwebenden, im Kino ein wenig zum Kasperl – das wirkliche Kasperltheater daneben war geschlossen –, gerade genug, dass wir alle gemeinsam lachten, er zwischen den Sitzen, die Fotografin von der Bühne, Autorin und Herausgeberin aus dem Publikum. Danach ein spätes Mittagessen, Gespräche off-the-record, ein paar Cocktails, den Sinn des Daseins erforschend. Was ist Schauspiel? Was ist Leben?

Lucas Englander wuchs in Wien auf, in einer tschechisch- österreichischen Familie, ging in Favoriten in die Volksschule, wo er mit Kindern aus aller Welt zusammentraf, ein Mikrokosmos dessen, was Wien ist und immer war. Er lebte im ersten, dritten, siebten und neunten Bezirk, besuchte drei Gymnasien. Seine Musiklehrerin am Billrothgymnasium entfachte durch eine Improvisationsübung über Drogenmissbrauch sein Interesse am Schauspiel. Er mochte die Filme von Harald Sicheritz, mit dem er Jahre später drehen würde – er spielte gerade Rudolf Auerhahn in „Bruno – der junge Kreisky“, der im Herbst ins Kino kommt, und in Frankreich einen Professor in „Quand Le Monde Nous Regardere“ (Wenn die Welt uns wahrnehmen wird) über einen Jungen, der mit einer Waffe in die Schule kommt. Er ist ein Fan von Valie Export und den Aktionisten, die künstlerische Statements setzten, indem sie etwas wagten.
Ich war mit 18, 19 ein Junge, der versucht hat, sich zu beweisen: Muskeln, Technoevents, viel Alkohol und Drogen.

Wann wussten Sie, dass Sie Schauspieler werden möchten?
Ich habe mit 18, 19 begonnen, mich für Schauspiel zu interessieren. Das waren die Anfänge der 2010er-Jahre. Ich war in der Zeit ein Junge, der versucht hat, sich zu beweisen im Sinne von Muskeln und Auf-cool-tun, Technoevents, ganz viel Alkohol und Drogen, in der Schule in Kontrolle wirken und meine Emotionen hinter Wut in Kriegs-Videospielen verbergen. Immer so tun, als wäre mir alles egal, unantastbar sein. Es ging vorrangig darum, nicht zu zeigen, wer du bist, sondern so zu tun, als würdest du alles wissen, als wärst du stark, und damit eine Wirkung zu kreieren, dass dir Leute folgen. Dieses Verhalten von Seele missachtender Dominanz hält viele von uns davon ab, authentisch, glücklich und gesund zu sein. Andere Ideen des Gemeinsamseins und Erfolgs zu erträumen. Ideen, die nicht auf Hierarchie und Dominanz basieren, sondern auf einer ehrlichen Suche nach Glückseligkeit. Ich lerne das auch noch immer, und merke einfach, wie ich dadurch ein besserer Mensch, Freund, Sohn, Partner sein kann.
Kämpfen Sie mit der Idee Ihres Jobs?
Vielleicht glauben die Leute, dass ein Schauspieler von Rolle zu Rolle geht, dazwischen er selbst ist, und dass jede Rolle in sich geschlossen ist. Aber das stimmt nicht. Ich bin und gebe in jeder Rolle einen Teil von mir selbst, der sich dann verändert und mit neuen Erlebnissen und Perspektiven auf die Welt zu mir zurückkehrt. Ich weiß nicht, warum ich den Gedanken, Schauspieler zu sein, immer hinterfrage. Welche gesellschaftliche Position habe ich in diesem Beruf, in dem mir auf roten Teppichen, sozialen Medien und Interviews vorgelebt wird, wer ich zu sein hab und wer nicht? Ich fühle, dass ich da noch weitersuchen möchte. Und es ist okay, dass ich da manchmal verloren bin, wie viele andere.

Fragen Sie sich manchmal: Warum mache ich diesen Job überhaupt?
Ich stelle mir immer wieder die Frage, warum ich überhaupt spiele. Es gibt doch so viele Arten des Ausdrucks, die so viel Gutes für unsere Welt tun, so sehr gebraucht werden. Und stattdessen spiele ich? Mir ist klar, dass wir gerade mehr dafür tun sollten, dass wir einander in der Gesellschaft näherkommen, um ein bisschen Empathie und Verbundenheit für das Leben von anderen und die Welt zu entwickeln. Oder auch einfach nur eine Alltagspause zu schenken. Ein bisschen Zeit zumLoslassen und Träumen. Bin ich dann Brücke genug? Oder muss ich mir in den Arsch treten, lauter und direkter konkrete Themen ansprechen, die mit der Zukunft unserer Welt zu tun haben? Sollte ich jeden Tag vorm Parlament demonstrieren, weil die Umweltkatastrophen sich in Zukunft so häufen könnten, dass wahnsinnig viele Menschen flüchten werden müssen? Unsere Trinkwasservorräte sind endlich und die Gletscher schmelzen. Oder sollte ich protestieren, weil wir mehr Sozialwohnungen bauen könnten? Vielleicht ist, diese Fragen hier öffentlich zu stellen, ein Anfang.
Sie sind in den USA und Frankreich bekannter als in Österreich, drehten auch die Netflix-Serie „Transatlantic“, in der Sie den jüdischen Résistance-Kämpfer Albert Hirschmann spielen. Stimmt es, dass diese Rolle Ihr Leben verändert hat?
Diese Rolle gab mir das Gefühl: So würde ich gerne selbst sein. Nicht vom emotionellen Make-up her, denn er hat natürlich Probleme, die mir auch nicht unbekannt sind. Er ist ein Mann seiner Ära, in der das Patriarchat dominiert. Es war mir wichtig, dass er nicht perfekt ist. Aber was ich idealisiert habe, ist, dass Hirschmann für etwas steht, für das wir alle stehen sollten, jeden Tag: für Gerechtigkeit und Menschenwürde. Dafür, dass wir eine internationale Solidarität brauchen, die sich darum kümmert, demokratische Werte zu vertiefen, damit die faschistischen Hass- und nihilistischen Angst-Gedanken es nicht in unsere Seelen schaffen. Denn unsere Seelen wollen Liebe und Frieden. Daran glaub ich fest.

„Transatlantic“ hat aufgrund Lucas Englanders Familiengeschichte eine besondere Bedeutung. Sein Großvater Alois Englander publizierte in den 1930er Jahren mit seinem Verlag anti-nazistische Propaganda, war in Prag an einem Plan zur Beseitigung Hitlers beteiligt, flüchtete über Schweden, Russland und Japan an die amerikanische Westküste und lebte von 1940 bis 1947 in New York. Jahre nach seiner Rückkehr wurde er 1982 gemeinsam mit Freda Meissner-Blau und Alexander Tollmann ein Gründungsmitglied der Vereinten Grünen Österreichs (VGÖ).
Mein Großvater hat sich gegen die Nazis gestellt, Filme gegen die Nazis finanziert und versucht, Hitler umzubringen.
Sind Sie durch diese Rolle in Ihre eigene Familiengeschichte eingetaucht?
Ich habe sie durch die Rolle etwas besser verstanden. Wir verherrlichen oft unsere Familienbilder und unsere Geschichten. Eine Person ist vor Hitler geflohen, aber wir nennen sie nicht Flüchtling. In meiner Familie wird auch so über meinen Großvater gesprochen. Der ist dann „in die Staaten gegangen und hat dann dort gelebt“. Mein Großvater kam aus einem relativ wohlhabenden Haus, was heißt, dass für ihn die Flucht natürlich etwas anderes war als für Leute, die nichts hatten. Aber trotzdem war er Flüchtling. Dieses Bild, das wir von Leuten erzeugen, die auf der Flucht sind, ist halt wahnsinnig entmenschlichend, und damit entmenschlichen wir auch das Wort Flüchtling. Deswegen ist es so einfach, die individuellen Geschichten aus dem Wort rauszulassen, und stattdessen Zahlen zu verwenden. Das lässt uns leichter vom menschlichen Leid wegblicken. Mein Großvater hat sich gegen die Nazis gestellt, Filme und Theaterstücke gegen die Nazis finanziert, dann versucht, Hitler auch selbst umzubringen, es nicht geschafft, und ist dann geflohen. Er war Flüchtling und er war Alois, der Feuerwehrmann in New York, der Verleger in Österreich, oder einfach Loisl für seine engeren Freundinnen und Familie.
Wir brauchen Solidarität, damit die faschistischen Hass- und nihilistischen Angst-Gedanken es nicht in unsere Seelen schaffen.

Sie selbst haben sich schon früh politisch engagiert?
Ich bin so dankbar, dass mich meine Mutter als Kind zu Anti-Kriegs- und Klimaschutz-Demos mitgenommen und mir sehr früh das Verständnis vermittelt hat, dass jede Stimme zählt. Revolutionen gab es schon immer, und diese wurden von den Bürgern initiiert. Und gerade kommen wir wieder in eine Zeit, wo wir merken: Scheiße, wir sind dirigiert von Leuten, die sich überhaupt nicht für die Menschen interessieren, aber durch Propaganda so tun, als ob genau diese Gier die Vision für unsere Zukunft sein soll. Propaganda und Algorithmen. Und da liegt’s jetzt an uns BürgerInnen, gemeinsam zu handeln und den Kurs der Geschichte zu ändern.

Viele Menschen Ihrer Generation sagen, dass sie an der Politik verzweifeln.
Wir dürfen an der Politik nicht verzweifeln, weil sie uns alle betrifft. Es geht nicht um Ökonomie, sondern um Menschenwürde und um Lebenserhaltung unserer Umwelt, unseres Zusammenlebens. Wir brauchen eine Legislative, die für Menschlichkeit steht, nicht gegen sie. In Wien wurden kürzlich ZivilistInnen von Rechtsradikalen aufgrund ihrer Hautfarbe in der U-Bahn verprügelt. Ist das die Welt, die wir an die nächsten Generationen weitergeben wollen? Demokratie ist ein Verb und kein Nomen. Sie ist nicht perfekt. Nichts ist perfekt. Ich glaube aber, dass wir nur gemeinsam wirklich vorankommen. Träume dürfen sich verändern, und wir dürfen uns dabei unterstützen, nach dem Träumen mit etwas Gutem aufzuwachen.
© 2025 PANAREA Studios, Vienna. The House of CALL Magazine.
Die Story wurde erstmals im CALL Magazin 03-04/2025 veröffentlicht.



