Bestsellerautor Lars Amend und seine iranische Frau Anahita: Die tägliche Hölle auf Erden

Bestsellerautor Lars Amend hatte vier SPIEGEL-Nummer 1-Bestseller, verkaufte zwei Millionen Bücher („Dieses bescheuerte Herz“, „Coming Home“) und zählt zu den meistgelesene Autoren Deutschlands. Jetzt bangt er mit seiner Frau Anahita, deren Familie aus dem Iran stammt, um das Leben zahlreicher Angehöriger. In CALL spricht Amend erstmals Klartext: über das unerträgliche Schweigen der Intellektuellen und Künstler, die Ermordung von Kindern und Jugendlichen, die tägliche Verzweiflung, die Brutalität des Regimes, die Angst, mit der man umzugehen lernen muss – und die Hölle auf Erden.

Georg Kindel
Georg Kindel - Chefredakteur
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Bestsellerautor Lars Amend mit seiner Frau Anahita, deren Familie aus dem Iran stammt (Foto: Lars Amend privat)

Die Familie Ihrer Frau Anahita stammt aus dem Iran, sie hat viele Verwandte im Land. Wie haben Sie die Eskalation der Gewalt im Iran erlebt? 

Ich kenne die Situation im Iran seit fünf Jahren, seit ich ein Teil ihrer Familie bin. Im Prinzip gibt es kein anderes Thema. Wann immer irgendwo im Land ein Aufstand ist, sitzen die Iranerinnen und Iraner nächtelang vor dem Fernseher und dem Handy und hoffen nur, dass es ihren Familien und den Menschen gut geht, dass nicht zu viele sterben. Jetzt hat erstmals die pure Verzweiflung geherrscht. Du hast auf einmal die Angehörigen nicht mehr erreichen können. Viele Verwandte meiner Frau wohnen im Iran. Vor wenigen Wochen waren ein Onkel und eine Tante zu Besuch bei uns in Deutschland. Sie sind wieder zurückgefahren in den Iran und als die Revolution losging, haben wir fünf Tage nichts mehr von ihnen gehört. Dann sitzt du da und wartest voller Angst. Du kannst nicht schlafen. Du kannst nichts essen. Du bist eigentlich den ganzen Tag nur am Weinen, weil jedes Mal die Bilder noch schlimmer sind als das, was du ohnehin schon vorher gesehen hast. Ich sitze daneben und überlege mir, was ich tun kann, um irgendwie eine Stimme zu sein für die, die jetzt im Iran keine haben. Sie haben alle ihre Videos und ihre Fotos gemacht, von dem, was sich tatsächlich abspielt, aber sie können sie nicht mit der Welt teilen. Es ist die pure Verzweiflung. 

Dann sitzt du da und wartest voller Angst. Du kannst nicht schlafen. Du kannst nichts essen. Du bist eigentlich den ganzen Tag nur am Weinen, weil die Bilder jedes Mal noch schlimmer sind als das, was du ohnehin schon vorher gesehen hast. Es ist die pure Verzweiflung. 

Die Eltern Ihrer Frau stammen aus dem Iran, sie selbst ist in Deutschland geboren worden?

Ja. Die Mutter meiner Frau ist in Rascht geboren. Das ist diese schöne Stadt im Norden, wo der berühmte Markt abgebrannt wurde und dieses Massaker stattgefunden hat. Ihr Vater kommt aus Teheran. 

Mit zwei Millionen verkauften Büchern und mehreren SPIEGEL-Nummer-1-Bestsellern einer der meistgelesenen Autoren Deutschlands: Lars Amend (Foto: CALL Magazine/Roland Unger)
Mit zwei Millionen verkauften Büchern und vier SPIEGEL-Nummer-1-Bestsellern einer der meistgelesenen Autoren Deutschlands: Lars Amend (Foto: CALL Magazine/Roland Unger)

Die Eltern Ihrer Frau sind vor ihrer Geburt nach Deutschland geflüchtet, viele Verwandte und Freunde aus dem engsten Umfeld Anahitas leben nach wie vor im Iran. Wie war die Situation vor diesem jüngsten Aufstand, wie ist die Situation jetzt?

Es gab immer ein Auf und Ab, die Restriktionen waren immer da. Man durfte nicht öffentlich singen, nicht tanzen. Sich auf der Straße zu küssen war verboten. Frauen durften zwar studieren, aber nicht jedes Fach. Rede-, Presse- und Religionsfreiheit gab es nicht. Frauen mussten sich an eine strenge islamische Kleiderordnung halten, Haare mussten vollständig bedeckt sein. Auch durften Frauen nur reisen, wenn ihr Mann es erlaubte. Dazu noch völlig absurde Verbote, zum Beispiel ist es unter dem islamischen Regime verboten, deinen Hund Gassi zu führen. Die Menschen waren permanent unter Beobachtung. Ein falsches Wort, eine falsche Handlung und du wurdest verhaftet. Man hatte in den letzten Monaten aber die Hoffnung, dass sich ein paar Dinge ändern. Einige Frauen haben zuletzt aufgehört, ihr Kopftuch zu tragen, da hatte man vielleicht ein bisschen die Hoffnung, dass das Leben jetzt besser wird. Gleichzeitig wurde die wirtschaftliche Situation aber immer schlimmer. Die Menschen, die diese Basare betreiben, die Bazaris, sind immer ein Barometer für den Zustand des Landes gewesen. Die Bazaris waren nie Freunde des Regimes, aber sie waren extrem konservativ. Solange die Bazaris nichts gesagt haben, hattest du keine Chance auf Veränderung. Zum ersten Mal haben sie diese Proteste angefangen, weil sie sagten: Das Land ist einfach pleite, die Menschen haben nichts mehr zu essen, sie haben kein Geld mehr, um sich Nahrungsmittel wie Eier zu kaufen. Sie haben nichts mehr zu verlieren. Dem haben sich alle anderen Gruppen, die auch immer in den letzten Jahren demonstriert hatten, angeschlossen. So entstand im ganzen Land dieser anfängliche Protest, der dann sehr schnell zu einer Revolution wurde und sich hochgeschaukelt hat.

Die allermeisten Opfer sind Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene. Der Großteil der Toten sind Menschen unter 30. Daran kann man eigentlich sehr gut die Verzweiflung der jungen Menschen sehen: Lieber sterben wir, als dass wir so weiterleben.

Die meisten der Zehntausenden Opfer sollen junge Menschen, Kinder und Jugendliche sein.

Die allermeisten Opfer sind Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene. Der Großteil der Toten sind Menschen unter 30. Daran kann man eigentlich sehr gut die Verzweiflung der jungen Menschen sehen: Lieber sterben wir, als dass wir so weiterleben. Die jungen Menschen im Iran sind total westlich, sie wollen genau das Gleiche wie wir. Sie haben kein Interesse an Religion. Sie wollen Party machen, reisen, auf Konzerte gehen. Sie sind gebildet, haben studiert und wollen einfach in Frieden und ohne Angst leben. Doch sie werden unter einer Glocke gehalten, die nicht zu ihnen passt und die sie nicht wollen. Wenn jetzt dazukommt, dass sie sich nicht einmal mehr etwas zu essen kaufen können, dann sagen sie sich halt: Lieber sterbe ich, als dass es so weitergeht. Ich habe nichts mehr zu verlieren. 

Das Regime spricht offiziell von 5.000 Toten. Ihre Frau hört aus dem Iran ganz andere Zahlen. Sie haben auf Social Media von 20.000 bis 30.000 Toten gesprochen.

Allein in den ersten beiden Tagen der Revolution sind in der Stadt Rascht, wo ein Teil meiner Schwiegerfamilie herkommt, 5.000 Menschen umgebracht worden. Die Sunday Times hat Zahlen veröffentlicht mit 16.500 Toten und 360.000 Verletzten. In jeder Statistik einer solchen Situation hast du meist eine Dunkelziffer mit dem Faktor drei, dann bist du allein da bei 50.000 Toten. Das waren aber nur die ersten Tage. Wenn von den 360.000 Verletzten im Laufe der Zeit 30 Prozent durch die Folgen der Verletzung sterben, bist du ganz schnell – vorsichtig gerechnet – bei über 100.000 Toten. Was wir aus dem Iran hören, ist, dass die Wahrheit so viel schlimmer ist als alles, was wir hier in den Nachrichten lesen. Deswegen ist es so schlimm, dass der Westen so wenig tut. 

Sie fragen: Wo sind die Intellektuellen? Wo sind die Künstler? Wo sind all jene Leute, die sonst immer auf die Straße gehen und demonstrieren? Wie erleben Sie dieses Schweigen, und warum ist das Ihrer Meinung nach so? 

Ich kann es mir nicht erklären, warum so viele zu diesem Thema schweigen. In der Zeit, als die Proteste begannen, kam eigentlich gar nichts. Viele, die von sich behaupten, sie seien Menschenrechtsaktivisten und die wirklich zu fast allem etwas zu sagen haben, brachten kein Wort heraus.

Da waren jene, die irgendwie diese romantische, aber vollkommen aberwitzige Vorstellung hatten, dass das islamische Regime im Iran die letzte Bastion sei, die gegen Israel die Stellung hält. Was ich aus dieser Fraktion wahrnehme ist eine starke Abneigung gegenüber Israel.

Aus Angst?

Glaube ich nicht. Das Schweigen hatte viele Gründe. Da waren jene, die irgendwie diese romantische, aber vollkommen aberwitzige Vorstellung hatten, dass das islamische Regime im Iran die letzte Bastion sei, die gegen Israel die Stellung hält. Was ich aus dieser Fraktion wahrnehme ist – vorsichtig ausgedrückt – eine starke Abneigung gegenüber Israel. Viele dachten sich wohl: Wenn ich „Free Palastine“ rufe, kann ich mich nicht für die Menschen im Iran starkmachen. Das passte einfach nicht in deren Weltbild. Die Menschen in Israel supporten die Menschen, die im Iran auf die Straßen gehen, wie keine andere Nation. Und gemeinsame Sache mit Israel machen, passte für viele eben nicht in ihre Erzählung. Dann hast du die Linke, die eher eine antiamerikanische, antikapitalistische und antiimperialistische Grundhaltung hat. Für diese Fraktion war es offensichtlich auch nicht möglich, sich für einen freien Iran einzusetzen, denn für die ist Donald Trump ja der noch größere Feind. Deren Motto war offenbar: Ich kann absolut nicht dafür sein, dass Donald Trump gegen die iranische Regierung kämpft, also bin ich dagegen und schweige. Dann hast du andere, eher Intellektuelle, die sehr verkopft an das Thema herangehen und sagen: Die Iraner müssen das von innen heraus organisieren. Ich kann nicht dafür demonstrieren, dass jetzt der Sohn des Schahs zurückkehrt. Dann hast du auf der anderen Seite die komplette islamische Welt, die sich eigentlich gar nicht dazu äußert. Es ist beispielhaft, dass von den 57 islamisch geprägten Ländern wie die Türkei, Saudi Arabien, Dubai oder die Emirate, letztlich alle auf der Seite des islamischen Regimes stehen, weil sie nicht wollen, dass die Menschen im Iran frei werden. Was ich wirklich schwach finde ist, dass von den Künstlern nichts kommt. Wo sind die Schauspieler, die Musiker, die Autoren? Ganz Hollywood schweigt. Okay, Madonna hat sich jetzt geäußert, was ich auch super fand. Aber wo bleiben die Stars, die eine so große Reichweite haben, warum stehen sie nicht auf? Das passiert bis heute nicht. Das ist schon erstaunlich und sollte uns allen die Augen öffnen.

Es ist beispielhaft, dass von den 57 islamisch geprägten Ländern wie die Türkei, Saudi Arabien, Dubai oder die Emirate, letztlich alle auf der Seite des islamischen Regimes stehen, weil sie nicht wollen, dass die Menschen im Iran frei werden.

Was können Menschen in der westlichen Welt, in Deutschland und in Österreich Ihrer Meinung nach tun, um die Menschen im Iran zu unterstützen? 

Einfach nur weiter die Aufrufe posten, vielleicht mal auf eine Demo gehen. Die Iraner sind sehr gebildet, sehr integriert. Iraner machen keine Probleme, Iraner halten sich an die Regeln. Wenn sie demonstrieren wird die Polizei nicht angegriffen. Sehr, sehr viele Iraner hier in Deutschland – und in Österreich wird es nicht anders sein – sind Ärzte, Apotheker, Rechtsanwälte, Architekten. Weil sie sich zu gut integriert haben, nimmt man sie nicht mehr wahr. Und sie wollen auch nicht auffallen, nicht zur Belastung werden. Das heißt, sie werden oft übersehen. Was viele Iraner in Deutschland sagen ist: Es würde mir so gut tun, wenn mal ein Anruf kommt mit der Frage: Wie geht es dir? Wie geht es deiner Familie? Habt ihr Kontakt in den Iran gehabt? Kann ich was tun? Einfach mal fünf Minuten nachfragen, eine WhatsApp schreiben. Das ist schon so viel wert, weil du einem Menschen vielleicht ein bisschen die Angst und die Sorge nehmen kannst. Und natürlich weiterhin auf Social Media über den Iran posten und es eben nicht vergessen lassen. Je mehr Tage vergehen, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass sich die Welt dann wieder dem nächsten Konflikt, dem nächsten Krieg zuwendet. Trump hat ja den Iranern Mut gemacht und gesagt: Hilfe ist unterwegs, gebt nicht auf! Merkt euch die Namen der Mörder. Wir werden sie zur Rechenschaft ziehen. Also sind die Iraner weiter auf die Straße gegangen. Und seitdem kam nichts mehr. Umgekehrt wird sich das islamische Regime auch die Namen merken von jenen Menschen, die auf der Straße waren. Und wenn jetzt niemand mehr hinsieht, dann werden die Menschen, die im Gefängnis sind, hingerichtet. 30.000 bis 50.000 Menschen wurden verhaftet. Das kann man sich nicht vorstellen: Ich habe Bilder gesehen, wo ganze Schulklassen von 12- bis 14-Jährigen reihenweise abgeführt worden sind. Die sind jetzt im Gefängnis. Kinder sitzen im Iran im Gefängnis. Ich weiß, was dort mit ihnen passiert, aber ich möchte das nicht laut aussprechen. Deswegen ist es so wichtig, weiterhin eine Stimme für diese Menschen zu sein. 

Setzt sich engagiert für die Menschen im Iran ein: Bestsellerautor Lars Amend (Foto: CALL Magazine/Paul Schirnhofer)
Setzt sich engagiert für die Menschen im Iran ein: Bestsellerautor Lars Amend (Foto: CALL Magazine/Paul Schirnhofer)

Sie haben rund 60 Influencer, Bestsellerautoren und Kolleginnen und Kollegen aus der Coachingszene, also Persönlichkeiten, die einfach eine große Reichweite haben, kontaktiert und sie um Unterstützung für den Iran gebeten. Das Ergebnis war erschütternd.

Das Ergebnis war: Ich habe von einer Person einen „Daumen hoch“ bekommen, als hätte ich ihr gerade irgendein witziges YouTube-Video geschickt. Eine andere Person hat tatsächlich bei der Petition unterschrieben, die ich mit angehängt habe. Also zwei von 60. Aber es hat nicht ein einziger nachgefragt, wie es uns geht. Das zeigt einfach auch, wie oberflächlich viele sind. Vielleicht hatte ich da auch eine zu hohe Erwartung. Eckhart Tolle hat das mal so schön gesagt: „Die Enttäuschung ist das Ende der Täuschung.“ In meinem Hilfegesuch hatte ich ganz klar auch formuliert, dass meine Tochter iranisch ist, meine Partnerin, meine ganze Schwiegerfamilie ist aus dem Iran: „Viele von euch kennen meine Frau, ihr kennt mein Kind.“ Trotzdem kam nichts. Das war schon unglaublich. 

Wie geht es Ihrer Frau persönlich? Wie verarbeitet sie diese schrecklichen Nachrichten, die sie auch durch ihre Familie direkt aus dem Iran mitbekommt?

Die Familie gibt ihr Halt. Jetzt ist mir noch mal klarer geworden, warum dieser Familienverbund so wichtig ist. Weil das einfach Menschen sind, die dieses Leid verstehen und die dieses Leid nachvollziehen können. Meine Frau ist wirklich sehr tapfer. Aber abends, wenn unsere kleine Tochter dann schläft, bricht es raus. Dann weint sie eine Stunde und versucht schließlich zu schlafen. Wir wollen ja tagsüber nicht, dass unsere Tochter den ganzen Tag weinende Eltern sieht. Dann, am nächsten Morgen, ist der erste Blick wieder aufs Handy: Gibt es neue Nachrichten? 

Es stimmt nicht, dass die Menschen nicht mehr demonstrieren, dieser Protest nicht mehr existiert und dass die Revolution vorbei ist. Aber es ist so, dass die Menschen einfach nicht mehr können.

Ein Power-Paar: Anahita und Lars Amend (Foto: Lars Amend privat)
Ein Power-Paar: Anahita und Lars Amend (Foto: Lars Amend privat)

Halten Sie einen Sturz des Regimes nach wie vor für möglich?

Nach zwei Tagen war ich mir sicher, dass es funktioniert. Vielleicht war das ein bisschen die naive westliche Sicht. In meiner Vorstellung war es unmöglich, dass dieser Aufstand noch kippen könnte. Da sieht man einfach, dass wir im Westen keine Ahnung haben, wie brutal dieses Regime tatsächlich ist. Du darfst nicht vergessen:  Diese Armee hat genau dieses Szenario im Vorfeld geübt. Während die Armee eines jeden demokratischen Landes Manöver macht, die darauf abzielen, sich gegen ein anderes Land zu verteidigen oder in den Krieg zu ziehen, übt die iranische Regierung den Kampf gegen ihr eigenes Volk. Es stimmt nicht, dass die Menschen nicht mehr demonstrieren, dieser Protest nicht mehr existiert und dass die Revolution vorbei ist. Aber es ist so, dass die Menschen einfach nicht mehr können. Und du darfst auch nicht vergessen: Die Menschen müssen jetzt erstmal ihre ganzen Toten beerdigen. Sie müssen Familienangehörige suchen. Sie müssen trauern. Wenn du dich in einem absoluten Kriegszustand befindest aber selbst gar keine Waffen hast, ist es doch nur verständlich, dass du irgendwann zu Hause zusammenbrichst und nicht mehr kannst. Ich hoffe, dass es weitergeht. Die Stimmen aus dem Iran sagen: Wir geben nicht auf. Aber nennen Sie mir mal eine Revolution, die erfolgreich war und die keine Hilfe von außen hatte? Zeitgleich wurden 5.000 schwer bewaffnete Söldner aus dem Irak und aus Afghanistan ins Land geholt, damit sie auf die Einheimischen, auf die Iraner schießen. Es gibt sowas im Iran, das nennt sich freier Schuss. Das heißt, dass Söldner eine Lizenz zum Töten bekommen. Sie kommen ins Land und haben den Auftrag: Erschießt so viele Menschen wie möglich. Das kann man sich nicht vorstellen. Und dann mit dieser westlich-arroganten Haltung zu sagen, Amerika soll sich nicht einmischen, ist einfach nur dumm und unmenschlich. Die Iraner, mit denen ich gesprochen habe, sagen: Schaut, wie verzweifelt wir sind. Wir bitten den amerikanischen Präsidenten darum, dass er Bomben auf unser eigenes Land wirft, weil wir nur so eine Chance gegen die Mullahs haben. Das muss man sich vorstellen, so verzweifelt sind diese Menschen. Und da aus dieser privilegierten westlichen Sicht zu sagen, wir halten uns raus, ist katastrophal. Jetzt geht es darum, dass die Menschen befreit werden. Dieses Abwarten aus westlicher Sicht ist wirklich unerträglich.

Es wurden 5.000 schwer bewaffnete Söldner ins Land geholt. Es gibt sowas im Iran, das nennt sich freier Schuss. Das heißt, dass  Söldner eine Lizenz zum Töten bekommen. Sie kommen ins Land und haben den Auftrag: Erschießt so viele Menschen wie möglich.

Viele setzen Hoffnung auf des Sohn des 1979 gestürzten Schahs, Reza Pahlavi. Kann er der „Retter“ sein?

Er ist der einzige, der auch von den meisten Exil-Iranern anerkannt ist. Er ist das einzige Gesicht der Revolution. Es gab ja nie freie Wahlen im Iran, keine Opposition. Aus meiner Sicht kommt er mir sehr weltoffen vor. Er sagt ja auch, er möchte nicht der neue König sein. Er möchte derjenige sein, der einen Übergang zu einer Art Demokratie anführt. Aber er möchte nicht der neue Schah werden. Alles, was ich von ihm gehört habe, klang für mich sehr vernünftig. Er hat die größte Chance, ein Gesicht  der Veränderung zu sein. Natürlich gibt es auch viele Exil-Iraner, die ihn kritisieren. Aber ich glaube, wenn du in so einer Ausnahmesituation steckst, suchst du nicht nach Perfektion. Du suchst nach einer Lösung, die da ist und die heißt Reza Pahlavi.

Sie haben auch von einem sehr starken Schweigen der arabischen Welt gesprochen. Wenn sich Trump nicht militärisch involviert, was wahrscheinlich ist, was droht dem Iran und uns in der westlichen Welt?

Wenn das islamische Regime weiterhin an der Macht bleibt, was glauben Sie, was passiert, wenn die irgendwann die Atombombe haben? Die Mullahs werden sicher nicht sagen: Vielen Dank, Amerika, dass ihr uns verschont habt! Die machen doch genauso weiter wie bisher. Und deren Ziel ist ganz klar die Auslöschung ihrer Feinde. Und ihre Feinde sind wir, alle hier im Westen, nicht nur Israel. Wir sind für den Iran die Feinde. Das heißt, wenn es jetzt noch zehn Jahre weitergeht und sie irgendwann die Atombombe haben, dann viel Spaß.. 

Wenn das islamische Regime weiterhin an der Macht bleibt, was glauben Sie, was passiert? Die Mullahs werden sicher nicht sagen: Vielen Dank, Amerika, dass ihr uns verschont habt! Die machen doch genauso weiter wie bisher. Und deren Ziel ist ganz klar die Auslöschung ihrer Feinde. Und ihre Feinde sind wir, alle hier im Westen, nicht nur Israel. 

Ihre Schwiegereltern haben auch die Ära des Schahs miterlebt, der ebenfalls nicht zimperlich war. 

Die haben viel erlebt, auch damals gab es viel Unrecht. Aber es ist kein Vergleich mit dem, was seit 47 Jahren im Iran passiert, überhaupt kein Vergleich. Null. Die Menschen damals waren zumindest frei. Die Bilder und Videos der Menschen in Teheran der 1970er-Jahre hätten auch aus London, Paris oder Amsterdam sein können. Die Menschen konnten leben, atmen, sich ausdrücken. Vielleicht hatten sie unter dem Schah nicht alles, was wir hatten, aber sehr viel davon. Meine Schwiegereltern hoffen jetzt ganz klar auf militärische Unterstützung aus dem Ausland. Das wollen ganz viele Iraner, weil sie sagen: Alleine schaffen wir es nicht. Im Iran ist jetzt die Hölle auf Erden. Eine Iranerin formulierte es treffend: Ob du lebst oder nicht, ist purer Zufall. Egal was danach kommt, schlimmer kann es nicht werden. 

Da war die Welt noch in Ordnung: Anahita und Lars Amend (Foto: Lars Amend privat)
Da war die Welt noch in Ordnung: Anahita und Lars Amend (Foto: Lars Amend privat)

Was würden Sie und Ihre Frau Anahita sich von den Menschen in Deutschland und Österreich erhoffen oder erwarten? Was ist Ihre Botschaft? 

Es ist ein Satz, der oft fällt, wenn man den Überlebenden des Nationalsozialismus zuhört. Er passt jetzt genau so, weil die Iraner in einem ähnlichen Zustand sind: Sei ein Mensch! Sei ein Mensch und biete deine Hilfe an, so gut es geht, in welcher Form auch immer. Mach das, was du kannst. Versuche dein Herz zu öffnen und nicht sofort abzuschalten, nur weil es unbequem ist. Das ist leider eine sehr westliche, eine sehr privilegierte Art, auf die Welt zu blicken. Gleichzeitig müssen wir alle auch milde sein und akzeptieren, dass viele sagen, das geht mich alles nichts an. Auch für die habe ich ein gewisses Verständnis. Und es hat ja auch nicht jeder diesen Einblick in die iranische Welt, wie ich ihn habe. Aber ich appelliere trotzdem an jeden Einzelnen: Bleibt Mensch und helft denen, die es gerade sehr, sehr schwer haben.

Sei ein Mensch und biete deine Hilfe an, so gut es geht, in welcher Form auch immer. Mach das, was du kannst. Versuche dein Herz zu öffnen und nicht sofort abzuschalten, nur weil es unbequem ist. Helft denen, die es gerade sehr, sehr schwer haben.

Vielen Dank für Ihre Offenheit und das Gespräch.

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Georg Kindel ist Chefredakteur von CALL.