Jonathan Tetelman: Das Leben der anderen

Jonathan Tetelman, einer der größten Tenöre unserer Zeit, wurde mit sieben Monaten zur Adoption freigegeben. Jetzt fand er, wie CALL exklusiv weiß, seine leibliche Mutter und seine drei Geschwister in Chile. Er folgt ihnen auf Social Media - doch sie wissen nichts von seiner Existenz. Tetelman, der gerade als Don José in „Carmen“ bei den Salzburger Festspielen bejubelt wird, spricht in CALL ausführlich über sein Privatleben, seinen Umzug nach Bukarest – und warum er die chilenische Staatsbürgerschaft will.

Georg Kindel
Georg Kindel - Chefredakteur
5 Minuten Lesezeit
Startenor Jonathan Tetelman fand seine leibliche Familie in Chile, als er einen Pass beantragte. Er folgt ihnen auf Social Media, weiß alles über sie – sie jedoch nichts von ihm.

Gratulation zur erfolgreichen „Carmen“-Premiere in Salzburg und zu den exzellenten Kritiken. 

Danke. Für meine Kollegin Asmik Grigorian war es das Debüt in dieser Rolle, weil sie sich zugleich in ein völlig neues Mezzofach hinein entwickelt. Ich selbst bin praktisch ohne Erwartungen in die Produktion gegangen, das war wahrscheinlich die beste Entscheidung. Als ich ankam, trafen tatsächlich völlig unterschiedliche Welten aufeinander. Da ist diese außergewöhnliche Tanzcompagnie „Peeping Tom“ mit Tänzern, die zugleich Schauspieler sind. Genau dafür wurde Oper ursprünglich geschaffen: Künstler aus unterschiedlichsten Bereichen bringen ihr Können zusammen und erschaffen etwas Neues – etwas mit Tiefe, mit Bedeutung und einer sehr persönlichen Aussage. 

Zwischen Ihnen und Asmik Grigorian gibt es eine ganz besondere Chemie.

Sie besitzt eine unglaubliche Ausstrahlung. Sie ist ein regelrechter Magnet. Wenn ich ihr einen kleinen Impuls gebe, macht sie daraus etwas Großes. Diese Fähigkeit beeindruckt mich immer wieder. Ich lerne ständig von ihr. 

Mit Asmik Grigorian, die ihr Rollendebüt feierte, in "Carmen" bei den Salzburger Festspielen 2026
Mit Asmik Grigorian, die ihr Rollendebüt feierte, in "Carmen" bei den Salzburger Festspielen 2026

Wie war Ihr Eindruck, als Sie 2023 das erste Mal nach Salzburg kamen?

Ich kam zu spät zur ersten Probe – ganz klischeehaft, wie es sich für einen Tenor gehört.

Am selben Tag hatte ich noch ein Konzert in Budapest, anschließend bin ich mit dem Zug zusammen mit meiner ganzen Familie direkt nach Salzburg gefahren. Wir kamen mit Gepäck an, ich wurde sofort in die Kostümprobe geschickt – das war mein Start in Salzburg. Genau das macht die Festspiele aus: Man muss vom ersten Moment an funktionieren. Salzburg ist kein Ort zum Entspannen.

Die Entlassung des künstlerischen Direktors Markus Hinterhäuser hat viele überrascht. Wie haben Sie dies wahrgenommen?

Die Stimmung ist dieses Jahr definitiv anders. Für uns Künstler ist es allerdings schwierig, die Situation wirklich einzuordnen, weil wir letztlich nicht wissen, was genau passiert ist. Wir sehen nur die Folgen. Natürlich liegt deshalb eine gewisse Schwere
über allem. Gleichzeitig gehören Veränderungen zum Leben. Manchmal sind sie notwendig, damit sich etwas weiterentwickeln kann. Wenn es gute Gründe für diese Entscheidung gab, dann muss man das akzeptieren. Ich glaube allerdings, viele Menschen würden sich einfach etwas mehr Transparenz wünschen. Für mich persönlich steht im Vordergrund, auf die Bühne zu gehen und diese Produktion so gut wie möglich zu machen. Ich bin Markus dankbar, dass er diese künstlerische Vision ermöglicht hat, die wir nun verwirklichen dürfen.

Die Stimmung ist dieses Jahr definitiv anders. Für uns Künstler ist es allerdings schwierig, die Situation wirklich einzuordnen, weil wir letztlich nicht wissen, was genau passiert ist. Wir sehen nur die Folgen. Natürlich liegt deshalb eine gewisse Schwere über allem.

Jonathan Tetelman (Foto: Lorenzo Michelini für CALL)
Jonathan Tetelman (Foto: Lorenzo Michelini für CALL)

Was bedeutet Zuhause für Sie?

Ich halte es mit Frank Sinatra, der sagte: „Der beste Ort zum Leben ist dort, wo meine Freunde sind.“ 

Reisen Ihre Frau Andreea und Ihre Kinder mit Ihnen?

Ja, noch. Aber diese Phase geht langsam zu Ende. Unsere Töchter kommen im September auf eine deutsche Schule. Das wird für uns ein großer neuer Lebensabschnitt.

Wo wird Ihre Familie leben?

Wir haben uns für Bukarest entschieden und dort eine Wohnung gekauft. Dort gibt es eine ausgezeichnete deutschsprachige Schule mit deutschem Lehrplan. Unsere Kinder werden gleichzeitig Deutsch, Rumänisch und Englisch lernen. Wir möchten etwa vier Jahre dort verbringen. Der große Vorteil besteht darin, dass sie anschließend problemlos auf jede deutsche Schule in Deutschland, Österreich oder der Schweiz wechseln könnten. Ob wir langfristig in Rumänien ­bleiben, wissen wir nicht. 

Andrea bleibt mit den Kindern in Bukarest, während Sie um die Welt reisen?

Genau. Das Schönste daran ist, dass ihre Familie nur etwa eine Stunde entfernt von Bukarest lebt. Jetzt können sie einfach ins Auto steigen und innerhalb kurzer Zeit bei ihren Enkeln sein. 

Hat der große Erfolg Ihr Leben generell einfacher oder schwieriger gemacht?

Der Erfolg hat vieles einfacher gemacht – die Kinder haben es komplizierter gemacht (lacht). Erfolg nimmt einem zunächst viele existenzielle Sorgen. Als junger Sänger fragt man sich ständig: Woher kommt das nächste Engagement? Wann kommt das nächste Honorar? Erfolg schafft in dieser Hinsicht Sicherheit. Auf der anderen Seite kann Erfolg einen auch überrollen. Allein zuletzt sang ich in kurzer Zeit vier Opernvorstellungen in drei verschiedenen Opernhäusern in drei unterschiedlichen Ländern. Das ist eigentlich verrückt. Man muss lernen, die richtige Balance zu finden und dabei auf sich selbst zu achten. Früher habe ich mich riesig über jedes Debüt gefreut. Heute möchte ich einfach einen guten Abend singen und anschließend nach Hause fahren, um meine Kinder ins Bett zu bringen. Das macht mich glücklicher als jede Premiere.

Einer der besten Tenöre unserer Zeit: Jonathan Tetelman
Einer der besten Tenöre unserer Zeit: Jonathan Tetelman

Jonathan Tetelman ist der nächste Domingo.

Hat Ihnen der Ruhm etwas genommen, das Sie manchmal vermissen?

Ehrlich gesagt empfinde ich Opernruhm gar nicht als echten Ruhm. Wenn ich durch einen Flughafen oder ein Hotel gehe, erkennt mich niemand. Das ist etwas völlig anderes als das Leben eines Popstars oder Hollywood-Schauspielers. Natürlich erreichen Videos von mir auf Instagram manchmal sogar Hunderte Millionen Aufrufe. Trotzdem bleibt Oper eine vergleichsweise kleine Welt. Ich finde das großartig. So kann ich ein ganz normales Leben führen.

Haben Sie Rituale?

Mit kleinen Kindern richten sich die meisten Rituale erst einmal nach ihnen (lacht). Während der Proben gibt es allerdings etwas, das für mich fast therapeutisch ist: Ich koche. Fast jeden Abend stehe ich am Grill oder in der Küche und verbringe ein oder zwei Stunden damit, Essen zuzubereiten. Das entspannt mich vollkommen. 

Ehrlich gesagt empfinde ich Opernruhm gar nicht als echten Ruhm. Wenn ich durch einen Flughafen oder ein Hotel gehe, erkennt mich niemand.

Startenor Jonathan Tetelman
Startenor Jonathan Tetelman

Ich habe in Chile meine Geburtsurkunde erhalten. Darauf stand der Name meiner leiblichen Mutter. Also habe ich ihren Namen einfach gegoogelt und ihre Facebook-Seite gefunden. Ich habe meine drei Geschwister auf Instagram entdeckt, von denen ich nichts wusste, und folge ihnen. Nur wissen sie bis heute nicht, wer ich bin.

Als wir einander nach Ihrer „Tosca“ im Jänner 2022 in Wien zum ersten Mal getroffen haben, erzählte mir Ihr Vater von Ihrer bewegenden Geschichte. Sie wurden in Chile geboren und als Kind mit sieben Monaten adoptiert. Haben Sie inzwischen begonnen, nach Ihren leiblichen Eltern zu suchen?

Ich war in Chile, weil ich meine chilenische Staatsbürgerschaft zurückerlangen möchte. Ich möchte künftig auch einen chilenischen Pass besitzen. Im Zuge dieses Verfahrens habe ich meine Geburtsurkunde erhalten. Darauf stand der Name meiner leiblichen Mutter. Also habe ich ihren Namen einfach gegoogelt und ihre Facebook-Seite gefunden. Ich habe meine Geschwister auf Instagram entdeckt, von denen ich nichts wusste, und folge ihnen inzwischen sogar. Nur wissen sie bis heute nicht, wer ich bin.  

Weder Ihre leibliche Mutter noch Ihre Geschwister haben eine Ahnung, dass Sie sie gefunden haben?

Nein. Noch nicht. Im Moment möchte ich zunächst alles rund um meine Staatsbürgerschaft abschließen. Wenn das erledigt ist, werde ich sehen, wie es weitergeht. 

Wie viele Geschwister haben Sie?

Drei. Ich weiß, wer sie sind. Ich weiß, wo sie leben. Ich weiß, wie sie aussehen. Ich weiß sogar, welchen Berufen sie nachgehen. Heute findet man all das im Internet. 

Erkennen Sie sich in ihnen wieder?

Schwer zu sagen. Was sofort auffällt: Sie sind alle außergewöhnlich groß für Chilenen. Selbst meine Schwestern sind deutlich über 1,80 Meter.

Wann werden Sie Kontakt zu ihnen aufnehmen?

Das weiß ich noch nicht. Vielleicht warte ich auch noch, bis meine Töchter etwas älter sind. Dann können sie diesen Teil meiner Geschichte bewusster miterleben. 

Erinnern Sie sich daran, wann Sie zum ersten Mal wirklich verstanden haben, was Adoption bedeutet?

Meine Eltern haben mir schon als kleines Kind erzählt, dass ich adoptiert wurde. Ich wusste also immer, dass ich nicht ihr leibliches Kind bin – im Gegensatz zu meiner Schwester. Aber wirklich verstanden habe ich die Bedeutung wahrscheinlich erst, als ich alt genug war zu begreifen, wie Kinder überhaupt entstehen, also so mit zehn Jahren.

Jonathan Tetelman, der neue Star der Opernwelt, posiert in Italien für CALL vor einem weißen Oldtimer
Jonathan Tetelman, der neue Star der Opernwelt, posiert in Italien für CALL vor einem weißen Oldtimer
Artikel teilen
Georg Kindel - Profilbild
Chefredakteur
Georg Kindel ist Chefredakteur von CALL.