Als Sie am Morgen des 11. September 2001 aufgewacht sind: Was für einen Tag haben Sie erwartet?
Ich war im Dienst und rechnete mit einem ganz normalen Arbeitstag. In der Nacht zuvor waren mehrere heftige Gewitter über New York City gezogen. Am Morgen hatte sich der Himmel aufgeklart, und ich ging davon aus, dass es ein ereignisloser Tag werden würde.
Wo genau waren Sie, als Ihnen zum ersten Mal klar wurde, dass am World Trade Center etwas Außergewöhnliches geschehen war?
Ich war in unserer Feuerwache in Chinatown. Damals war ich Captain der Ladder 6, der Einsatz am World Trade Center sollte mein letzter Einsatz als Captain dieser Einheit werden. Ich saß in der Küche der Feuerwache beim Frühstück, als wir das Flugzeug über uns hörten und kurz darauf eine gewaltige Explosion. Ich rannte nach vorne aus der Wache und sah eine schwarze Rauchsäule über den Himmel ziehen. Da wurde uns klar, dass gerade ein Flugzeug in das World Trade Center geflogen war.
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War sofort klar, dass Sie unverzüglich handeln müssen?
Ja. Aufgrund unserer Alarmpläne wusste ich, dass wir bei jedem größeren Brand im World Trade Center automatisch dorthin beordert würden. Und ernster als das konnte es kaum werden.
Was haben Sie als Erstes gesehen, als Sie dort ankamen – und was war Ihr erster Gedanke?
Schon während der Anfahrt saß ich vorne im Löschfahrzeug und konnte den Nordturm sehen. In der Fassade klaffte ein großes, flugzeugförmiges Loch, aus dem enorme Mengen Feuer und Rauch drangen. Das war das Erste, was ich sah. Als wir am World Trade Center ankamen, begannen wir, die Ausrüstung zusammenzustellen, die wir für einen normalen Hochhausbrand brauchen würden. Dann lösten sich plötzlich Teile des Gebäudes und schlugen auf unsere Fahrzeuge. Wir mussten unter einer Fußgängerbrücke Schutz suchen. Als kein weiterer Schutt mehr herunterkam, nahmen wir unsere Ausrüstung und rannten zum Eingang. Dort begriffen wir, was für ein Tag das werden würde. Direkt vor der Eingangstür sahen wir zwei schwer verbrannte Menschen. Sie waren in den Aufzügen eingeschlossen gewesen, als das Flugzeug einschlug; Kerosin war durch die Aufzugsschächte nach unten gelaufen und hatte sich entzündet, während sie noch drin waren. Wir gingen zum Einsatzleitstand in der Lobby. In jedem Hochhaus in New York gibt es einen solchen Bereich, an dem die Feuerwehr ihre Einsatzführung einrichten kann. Ich stellte mich in die Reihe der Offiziere, die auf ihre Befehle warteten. Einsatzleiter war Chief Pete Hayden. Die Feuerwehrleute, die hereinkamen, erzählten, was sie auf der Anfahrt gesehen hatten. Ich stand bei Männern von Rescue 1, einer Spezialeinheit des FDNY, und bei einem Lieutenant. Plötzlich hörten wir eine gewaltige Explosion. Draußen sah ich einen großen schwarzen Schatten über den Boden ziehen und brennende Trümmer herabfallen. Wir wussten zunächst nicht, was passiert war, bis ein Mann von draußen hereingerannt kam und rief: „Ein zweites Flugzeug ist gerade in den Südturm geflogen.“
Direkt vor der Eingangstür sahen wir zwei schwer verbrannte Menschen. Sie waren in den Aufzügen eingeschlossen gewesen, als das Flugzeug einschlug; Kerosin war durch die Aufzugsschächte nach unten gelaufen und hatte sich entzündet, während sie noch drin waren. Wir gingen zum Einsatzleitstand in der Lobby.
Jay Jonas
In diesem Moment war Ihnen sofort klar: Das ist ein Terroranschlag, kein normaler Brand und auch kein Unfall?
Ja. In diesem Augenblick wussten wir, dass es kein Unfall war. Jemand versuchte, uns zu töten. Dann war ich an der Reihe, meine Befehle von Deputy Chief Peter Hayden entgegenzunehmen. Ich ging zu ihm und sagte: „Ein zweites Flugzeug ist gerade in den Südturm geflogen.“ Er schüttelte nur den Kopf und sagte: „Ich weiß. Ich weiß.“ Dann sagte er: „Nimm deine Männer mit nach oben und tut, was ihr könnt.“ Also ging ich zu meinen Leuten und sagte: „Okay, Jungs, so sieht es aus. Es ist ein verdammt gefährlicher Auftrag, aber wir müssen ihn erledigen. Wir haben den Befehl, dieses Gebäude nach Menschen abzusuchen und sie zu retten. Die Aufzüge können wir nicht benutzen, weil sie dem Feuer ausgesetzt waren.“ Eines der Letzten, was ich ihnen sagte, war: „Sie versuchen, uns umzubringen, Jungs. Los geht’s.“ Und jeder Einzelne sagte: „Okay, Cap, wir sind bei dir.“ Wir gingen zum Treppenhaus B, das geografisch ziemlich genau in der Mitte des Nordturms lag, und begannen hinaufzusteigen. Später haben mich viele gefragt, warum ich ausgerechnet dieses Treppenhaus gewählt habe. Die Antwort ist ganz einfach: Es war das nächstgelegene.
War Ihnen in diesem Moment bewusst, dass vielleicht nicht alle Ihrer Kollegen diesen Tag überleben würden?
Darüber kann man in so einer Situation eigentlich nicht nachdenken. Ich wusste, dass wir uns in größter Gefahr befanden. Aber wir mussten einfach unser Bestes tun, uns jederzeit bewusst bleiben, was um uns herum geschah, und weiter nach oben gehen. Wir nahmen jeweils zehn Stockwerke auf einmal: zehn Etagen hinauf, kurz Luft holen, einen Schluck Wasser trinken, dann die nächsten zehn. Ich dachte, so würden wir noch genügend Kraft und Ausdauer haben, um das Feuer zu bekämpfen, wenn wir den 90. Stock erreichten. Wir hatten also noch einen sehr langen Weg vor uns – und oben hätte eine Menge Arbeit auf uns gewartet.
Was haben Sie in den Gesichtern der Menschen gesehen, die Ihnen im Treppenhaus entgegenkamen?
Ironischerweise war das Treppenhaus in einem der größten Gebäude der Welt gar nicht besonders breit. Auf einer Seite gingen Feuerwehrleute und Polizisten nach oben, auf der anderen kamen die Menschen aus dem Gebäude herunter. Es war so eng, dass wir uns beim Vorbeigehen mit den Schultern berührten. Die Menschen waren sehr froh, uns zu sehen. Sie sagten Dinge wie: „Gott schütze euch“, „Los, Feuerwehr!“ oder „Ihr habt eine Gehaltserhöhung verdient.“ Den Spruch mochten wir natürlich besonders. Auf jeder Etage stand außerdem ein gekühlter Getränkeautomat mit großer Glasfront. Die Zivilisten schlugen die Scheiben ein, holten Flaschen mit Wasser heraus, gaben sie uns Feuerwehrleuten und schütteten uns Wasser über den Kopf, damit wir uns abkühlen konnten. Das war schon außergewöhnlich.
Feuerwehrleute wie Sie sind im Dienst immer wieder mit extremen Situationen konfrontiert und riskieren ihr Leben. Aber woran haben Sie gedacht, als Sie diese Treppen hinaufgingen? An Ihre Frau Judy?
Ich dachte vor allem daran, dass dort oben in genau diesem Augenblick Menschen unsere Hilfe brauchten. Ich hoffte, dass wir Überlebende im Gebäude finden würden. Uns war ziemlich klar, dass die Menschen im Flugzeug wahrscheinlich alle tot waren. Aber wir glaubten, dass wir Menschen im Gebäude retten könnten.
„Der Südturm ist gerade eingestürzt.“ Mir war sofort klar, was das bedeutete: Direkt neben uns waren gerade Tausende Menschen ums Leben gekommen. Und ich wusste, dass unser Auftrag nicht mehr durchführbar war.
Jay Jonas
Als der Südturm einstürzte, waren Sie noch im Nordturm. Was haben Sie gespürt? Und haben Sie sofort begriffen, dass der andere Turm verschwunden war?
Kurz zuvor hatte ich einen Captain getroffen, der früher einer meiner Feuerwehrleute gewesen war: Billy Burke. Wir hatten uns gerade begrüßt, als wir das Dröhnen des einstürzenden Südturms hörten. Unser Gebäude wurde so heftig hin- und hergeschleudert, dass man kaum auf den Beinen bleiben konnte. Wir wussten nicht, was passiert war. Weil sich unser Turm so stark bewegte, dachten wir, vielleicht sei ein Teil unseres eigenen Gebäudes eingestürzt. Ich sagte Captain Burke, er solle zu den Fenstern auf der Südseite gehen, während ich die Nordseite überprüfe. Danach wollten wir uns wieder an derselben Stelle treffen. Ich konnte überhaupt nichts sehen, nur weißen Staub, der von außen gegen die Scheiben gepresst wurde. Als Burke zurückkam, hatte er einen seltsamen Ausdruck im Gesicht. Ich fragte: „War es das, was ich glaube?“ Ich erwartete, dass er sagen würde, ein Teil unseres Gebäudes sei eingestürzt. Stattdessen sah er mich nur an und sagte: „Der Südturm ist gerade eingestürzt.“ Mir war sofort klar, was das bedeutete: Direkt neben uns waren gerade Tausende Menschen ums Leben gekommen. Und ich wusste, dass unser Auftrag nicht mehr durchführbar war. Ich sah meine Männer an und sagte: „Okay, Jungs. Wenn der eine Turm einstürzen kann, kann dieser hier auch einstürzen. Wir müssen hier raus.“
Dann sind Sie wieder in Richtung Treppenhaus B gegangen.
Ja. Ich dachte, ich hätte mich vollkommen klar ausgedrückt. Später stellte sich heraus, dass meine Männer gar nicht verstanden hatten, dass der Südturm eingestürzt war. Sie waren deshalb zunächst etwas irritiert: Wir hatten gerade 27 Stockwerke mit schwerer Ausrüstung erklommen, und nun sagte ich ihnen, sie sollten kehrtmachen und wieder hinuntergehen. Aber genau das taten wir. Ungefähr im 20. Stock stand plötzlich eine Frau in einer Tür und weinte.
Das war Josephine Harris.
Ja, das war Josephine Harris.
Später haben Leute zu mir gesagt, was für eine folgenschwere Entscheidung es gewesen sei, anzuhalten und diese Frau zu retten, weil sie unsere Flucht erheblich verlangsamte. Aber ich habe immer gesagt: Genau deshalb waren wir dort. Wir waren dort, um Leben zu retten.
Jay Jonas
Nehmen Sie uns noch nochmals in diesen Moment mit. Wer war sie, und in welchem Zustand befand sie sich?
Sie konnte kaum noch gehen. Damals wussten wir nicht, dass sie einige Wochen zuvor als Fußgängerin von einem Auto angefahren worden war und beim Gehen Schmerzen hatte. Sie stand völlig hilflos in dieser Tür. Einer meiner Feuerwehrleute, Tommy Falco, drehte sich zu mir um und fragte: „Was sollen wir mit ihr machen?“ Ich sah sie an und sagte: „Wir nehmen sie mit.“ Billy Butler, einer meiner kräftigsten Männer, sollte sie stützen und über die Schulter nehmen. Wir würden gemeinsam als Gruppe weiter die Treppe hinuntergehen. Später haben Leute zu mir gesagt, was für eine folgenschwere Entscheidung es gewesen sei, anzuhalten und diese Frau zu retten, weil sie unsere Flucht erheblich verlangsamte. Aber ich habe immer gesagt: Genau deshalb waren wir dort. Wir waren dort, um Leben zu retten. Wir waren nicht gekommen, um „das World Trade Center „zu erleben“. Wir waren dort, um Menschen zu retten. Sie wurde zum Grund, warum wir dort waren.
Aber jeder Instinkt muss Ihnen gesagt haben: Raus aus diesem Gebäude, so schnell wie möglich. Gab es auch nur eine Sekunde lang eine Diskussion darüber, Josephine Harris zurückzulassen?
Nein. Keine Sekunde. Jede Faser meines Körpers sagte mir: Raus aus diesem Gebäude. Jede Sekunde, die wir verlieren, bringt uns dem Punkt näher, an dem wir es nicht mehr hinausschaffen. Aber es gab niemals eine Diskussion darüber, sie zurückzulassen. Wie ich gesagt habe: Sie wurde zum Grund, warum wir dort waren. Wir waren dort, um ihr Leben zu retten.
Sie wollten Josephine Harris retten. Aber in einer außergewöhnlichen Wendung des Schicksals hat gerade diese Verzögerung durch Sie alle am Ende gerettet . Wann haben Sie das zum ersten Mal verstanden?
Es hat eine Weile gedauert, bis ich all diese Puzzleteile zusammensetzen konnte.
Ich glaube, Sie haben sie später einmal Ihren Schutzengel genannt.
Ja. Denn wenn wir in unserem Treppenhaus ein wenig langsamer gewesen wären, hätten wir es nicht geschafft. Und wenn wir schneller gewesen wäre, hätten wir weit genug vom Gebäude weg sein müssen, um zu überleben. Wir hätten wahrscheinlich auch nicht überlebt, wenn wir schneller gewesen wären. Das war ein 110-stöckiges Gebäude, eines der größten der Welt – und ausgerechnet dort, wo wir waren, entstand ein Hohlraum. Als man später die Trümmer untersuchte, stellte sich heraus, dass es nicht viele solcher Hohlräume gab. Es war fast, als hätte sie gewusst: Das ist der Ort. Wenn wir irgendwo sein müssen, dann hier. Genau dort befanden wir uns, als das Gebäude einstürzte.
Wenn wir in unserem Treppenhaus ein wenig langsamer gewesen wären, hätten wir es nicht geschafft. Wir hätten wahrscheinlich auch nicht überlebt, wenn wir schneller gewesen wären. Das war ein 110-stöckiges Gebäude, eines der größten der Welt – und ausgerechnet dort, wo wir waren, entstand ein Hohlraum.
Jay Jonas
Hat diese Erfahrung Ihr Verständnis von Schicksal verändert? Die Vorstellung, dass eine Entscheidung, ein fremder Mensch, eine einzige Minute darüber entscheiden kann, ob wir leben oder sterben?
Während es passiert, kann man darüber nicht nachdenken und sagen: Das ist jetzt Schicksal. Aber wenn man unsere Situation im Nachhinein betrachtet, ist eines klar: Josephine überlebte, weil wir anhielten, um sie zu retten. Hätten wir nicht angehalten, hätte sie sich von dort nicht mehr wegbewegt und wäre gestorben. Gleichzeitig brach sie im vierten Stock zusammen und schrie uns an: „Lasst mich in Ruhe! Geht weg! Fasst mich nicht an!“ Aber wir ließen sie nicht zurück. Ich brach eine Tür zum vierten Stock auf und suchte nach einem stabilen Stuhl, auf den wir sie setzen und schneller die Treppe hinuntertragen konnten. Wenn man heute zurückblickt, dann war auch das Schicksal.
Sie waren im vierten Stock im Treppenhaus B, als der Nordturm über Ihnen einzustürzen begann. Wie klingt es im Inneren, wenn ein 110-stöckiger Wolkenkratzer um einen herum zusammenbricht? Und wie haben Sie diesen Moment erlebt?
Das Erstaunliche ist: Das gesamte Gebäude war innerhalb von etwa 13 Sekunden unten. Es ging unglaublich schnell. Es war eine Abfolge ganz unterschiedlicher Geräusche. Der Turm stürzte von oben nach unten ein in einer Art Pancake-Effekt. Wenn eine Etage auf die darunterliegende krachte, gab es einen gewaltigen Knall und enorme Erschütterungen. Überall um uns herum hörte man das Kreischen und Verdrehen des Stahls.
Sie dachten in diesem Moment, dass Sie gleich sterben werden?
Ja. Ich dachte: Das war’s. Hier endet es für mich. Und ich war enttäuscht, dass wir es nicht hinausgeschafft hatten. Die Feuerwehrleute unter meinem Kommando waren meine Verantwortung, und ich hatte sie nicht herausgebracht. Dann hörte der Einsturz plötzlich auf. Wir waren in völliger Dunkelheit, husteten und würgten, überall flogen Trümmer herum. Wir mussten Schmutz und Staub aus Mund, Ohren und Nase bekommen. Ich begann laut zu rufen, weil ich hören konnte, dass sich Menschen bewegten. Alle meine Männer waren da und Josephine ebenfalls.
Sie waren am Leben.
Wir waren am Leben.
Was ist das Erste, woran Sie sich erinnern, nachdem der Einsturz aufgehört hatte?
Es begann sofort das nächste Problem: Wie kommen wir hier wieder heraus? Wir suchten nach verschiedenen Wegen. Zunächst dachten wir, wir könnten einfach weiter die Treppe hinuntergehen, aber dieser Bereich war blockiert. Das Treppenhaus war zerstört und voller Trümmer, man konnte nicht mehr durch. Also suchten wir weiter nach einem Ausweg. Kurz nach dem Einsturz hörten wir über Funk einen Mayday-Ruf, also den Hilferuf eines Feuerwehrmannes. Es war Lieutenant Mike Warchola, den ich kannte und an dem wir zuvor im Treppenhaus vorbeigekommen waren. Er sagte, er sei im Treppenhaus B im zwölften Stock eingeschlossen und schwer verletzt. Ich reagierte auf seinen Hilferuf und kam bis zum sechsten Stock. Dort waren die Trümmer so massiv, dass ich sie nicht mehr aus dem Weg räumen konnte. Ich kam nicht weiter nach oben. Das war sehr schwierig für mich: Da war ein Mann, ein Freund von mir, der Hilfe brauchte, und ich konnte ihm nicht helfen. Gleichzeitig mussten wir selbst in den Überlebensmodus wechseln und einen Weg nach draußen finden.
Wie lange dauerte es, bis Sie gerettet wurden?
Etwa vier Stunden. Ich sprach über Funk mit anderen Feuerwehrleuten, und sie machten uns Mut: Sie würden uns finden. Gleichzeitig sagten sie uns, dass es draußen sehr schlimm aussah. Wir hatten ja überhaupt keine Vorstellung davon, was außerhalb unseres Hohlraums geschehen war. Irgendwann erschütterte eine Explosion das Treppenhaus und löste einen weiteren Teileinsturz aus. Einer meiner Männer, Mike Meldrum, warf sich über Josephine, um sie vor den herabfallenden Trümmern zu schützen. Sal D’Agostino zog seine Feuerwehrjacke aus, legte sie um sie und sagte: „Solange wir hier sind, wird dir nichts passieren.“ Ich war unglaublich stolz auf meine Männer. Niemand hatte ihnen das befohlen. Aus eigener Disziplin und aus eigenem Antrieb taten sie genau das Richtige. Josephine begann zu weinen und sagte, sie habe Angst. Ich sagte nur: „Wir haben alle ein bisschen Angst. Halt einfach durch.“ Und das tat sie. Das war sehr mutig, denn wir Feuerwehrleute waren es gewohnt, unter extremen Bedingungen zu arbeiten – sie nicht.
An diesem Tag starben 343 New Yorker Feuerwehrleute. Sie kannten viele von ihnen, einige waren Ihre Freunde. Sehen Sie ihre Gesichter auch 25 Jahre später noch vor Ihnen?
Ich denke oft an sie. Viele dieser Männer habe ich an diesem Tag noch gesehen, während wir im Einsatz waren. Ich wusste nicht, dass sie nur noch Minuten zu leben hatten. Es war die größte Such- und Rettungsaktion in der Geschichte dieses Landes. Und die schreckliche Kehrseite war: Die meisten Männer, die an dieser Rettungsaktion beteiligt waren, kamen dabei ums Leben. Wir gehörten zu den wenigen, die überlebten.
Während Sie im Nordturm ums Überleben kämpften, wusste Ihre Frau Judy nicht, ob ihr Mann noch lebte oder bereits tot war. Haben Sie später ausführlich darüber gesprochen, wie diese Stunden für sie waren?
Ja. Es ist eigentlich eine ziemlich unglaubliche Geschichte. An diesem Morgen fand bei uns zu Hause ein Treffen von Pfadfinder-Gruppenleitern statt. Eine der anderen Frauen, Donna McLoughlin, war ebenfalls da. Ihr Mann John war Polizist bei der Port Authority. Den ganzen Tag über trösteten die Frauen Judy, weil sie wussten, dass ich am World Trade Center war. Ungefähr zu dem Zeitpunkt, als erste Anrufe kamen und sie erfuhren, dass ich überlebte, stellte sich heraus, dass Donnas Mann John verschüttet war. Plötzlich hatten sich die Rollen komplett umgekehrt.
Wann konnten Sie Judy danach zum ersten Mal anrufen?
Einer meiner Männer hatte ein Mobiltelefon. Ich selbst besaß am 11. September noch keines. Wir bekamen schließlich eine Verbindung nach draußen, und ich konnte ganz kurz mit ihr sprechen, vielleicht zehn Sekunden. Später an diesem Tag, als ich wieder in der Feuerwache war, konnte ich sie über einen Festnetzanschluss noch einmal anrufen.
Sie konnten ihr beim ersten Anruf also im Grunde nur sagen: „Ich lebe. Ich rufe dich später an.“
Ja, ungefähr so. Sie hatten im Fernsehen alles verfolgt und wussten dadurch in gewisser Weise mehr darüber, was mit mir geschah, als ich selbst. Ich war im Inneren des Gebäudes. Sie sahen von außen, wie der gesamte Turm zusammenbrach. Das war natürlich furchtbar beängstigend.
Wie war der erste Moment, als Sie Judy wiedergesehen haben, nach Hause kamen und Ihre Familie da war?
Ich versuchte immer noch zu begreifen, was ich gerade überlebt hatte. Als ich nach Hause kam, warteten sie vor dem Haus in unserer Einfahrt und umarmten mich alle. Meine Augen waren verletzt, die Hornhäute zerkratzt, und ich hatte starke Schmerzen. Nachbarn, Freunde und Verwandte waren da, und alle wollten wissen, was passiert war. Ich konnte ihnen eigentlich nur erzählen, was ich selbst erlebt hatte. Das ganze Ausmaß und die Dramatik dieses Tages begriff ich erst, nachdem ich zu Hause war.
Jay, Sie sind Vater von drei Kindern. Wie haben Sie ihnen später erklärt, was ihrem Vater passiert war? Und hat 9/11 Sie als Vater verändert?
Es hat mich nicht grundsätzlich zu einem anderen Vater gemacht. Ich war schon vor 9/11 ein sehr aufmerksamer Vater. Danach wurde es für mich einfach zu einer noch höheren Priorität. Meine Kinder waren damals in drei völlig unterschiedlichen Altersstufen: Eines begann gerade die Highschool, eines war in der Middle School, und meine Jüngste kam gerade in den Kindergarten. Meine älteste Tochter blieb den ganzen Tag in unserer Nähe und hörte genau zu, was Freunde, Nachbarn und Verwandte erzählten. Mein Sohn sah im Fernsehen immer wieder die Bilder der einstürzenden Türme, verstand aber zunächst nicht, welche Verbindung ich dazu hatte. Irgendwann kam er zu mir, umarmte mich und ging wieder ins Wohnzimmer. Ich sah Judy an und fragte: „Was war das denn?“ Sie sagte: „Er hat gerade begriffen, dass du in dem Gebäude warst, als es einstürzte.“ Bis dahin hatte er gedacht, ich sei draußen gewesen und dann hineingerannt, um Menschen zu retten. Meine jüngste Tochter wiederum hatte eine Zeit lang Angst, wenn ich zur Arbeit ging. Sie weinte und fragte: „Du gehst doch nicht wieder in diese Gebäude, oder?“ Ich sagte: „Nein. Diese Gebäude gibt es nicht mehr. Ich kann dort nicht mehr hineingehen.“ Jedes Kind hat die Ereignisse entsprechend seinem Alter ganz anders verarbeitet.
Ich sah all diese berühmten Persönlichkeiten ihre Awards entgegennehmen und dachte nur: Mein Gott, ich bin doch bloß ein Feuerwehrmann! Auf der Bühne standen Michail Gorbatschow und Paul McCartney. Ich ging hinauf, schüttelte beiden die Hand und dachte: Das ist völlig unglaublich – ich stehe mitten darin.
Jay Jonas bei den World Awards in Wien
Nur wenige Wochen nach 9/11 luden Michail Gorbatschow und ich Sie nach Wien ein. In der Wiener Hofburg wurden Sie stellvertretend für alle Feuerwehrleute von New York mit dem World Award für ihren Mut ausgezeichnet. Was war Ihr erster Gedanke, als Sie von dieser Einladung gehört haben? Ich erinnere mich, dass Sie mir damals erzählt haben, Sie seien bis dahin noch nie nach Übersee geflogen und ich glaube, Sie hatten nicht einmal einen Reisepass.
Das stimmt. Ich war kein großer Reisender und hatte tatsächlich keinen Reisepass. Also musste ich mir erst einen besorgen. Die Reise war für uns ein kleiner Sprung ins Ungewisse, am Anfang war das durchaus einschüchternd.
Dann standen Sie in Wien auf derselben Bühne wie Richard Branson, Ted Turner, Luciano Pavarotti und Alain Delon. Paul McCartney hielt die Laudatio auf Sie. Was war das für ein Moment?
Ich war der Letzte, der an diesem Abend ausgezeichnet wurde. Ich sah all diese berühmten Persönlichkeiten ihre Awards entgegennehmen und dachte nur: Mein Gott, ich bin doch bloß ein Feuerwehrmann! Was fangen die mit mir an? Paul McCartney erhielt unmittelbar vor mir einen Award. Es liefen Beatles-Videos, er kam auf die Bühne und hielt eine großartige Rede. Dann erschienen auf den großen Leinwänden auf der Bühne Bilder vom 11. September, und ich wurde aufgerufen. Auf der Bühne standen Michail Gorbatschow und Paul McCartney. Ich ging hinauf, schüttelte beiden die Hand und dachte: Das ist völlig unglaublich – ich stehe mitten darin. Dann wollte ich meine Rede beginnen, aber Paul McCartney schob mich zur Seite. Er wandte sich an das Publikum und sagte sinngemäß, er sei am 11. September in New York gewesen und habe miterlebt, was geschehen sei, was Jay und seine Männer getan hätten, sei absolut außergewöhnlich. Daraufhin ließ er das Publikum uns noch einmal applaudieren. Ich dachte: Wie soll ich das jetzt noch übertreffen? Dann hielt ich meine Rede, und sie wurde sehr herzlich aufgenommen. Es war ein ganz besonderer Abend. Vorher hatte Judy zu mir gesagt: „Wenn du irgendeine Möglichkeit hast, dass ich Paul McCartney kennenlernen kann, dann sorg dafür – sonst bin ich wirklich sauer.“ Meine Rede war die letzte des Abends. Als ich sah, dass die Veranstaltung zu Ende ging, winkte ich Judy, die direkt vor der Bühne saß, zu und sagte: „Wenn du Paul McCartney treffen willst, dann komm jetzt auf die Bühne.“ Paul, seine damalige Partnerin Heather und Judy gingen anschließend gemeinsam in einen Raum (Anm.: Green Room) hinter der Bühne und lernten einander kennen. Ich wäre vermutlich lange in Ungnade gefallen, wenn Judy Paul McCartney nicht getroffen hätte.
Hat Ihnen diese Reise nach Wien vielleicht zum ersten Mal bewusst gemacht, dass 9/11 nicht nur eine amerikanische Tragödie war, sondern Menschen auf der ganzen Welt berührt hatte, auch in Europa?
Ja, absolut. Judy und ich verließen irgendwann das Hotel, weil wir etwas von Wien sehen wollten. Wir lieben Wien. Wir fuhren mit der Bahn durch die Stadt, und in unserer Nähe saß eine Frau. Sie stand auf und gab uns eine Zeitung. Darin war ein Artikel über mich und meine Einheit, mit einem Foto von mir. Sie wollte, dass wir die Zeitung behalten. Sie war einfach eine ganz normale Frau, und sie wollte uns auf diese Weise zeigen, dass sie das, was wir getan hatten, würdigte. Das hat uns sehr berührt.
Jay, Sie sind 2022 nach fast 43 Dienstjahren beim New York City Fire Department in Rente gegangen. Wer ist Jay Jonas heute, wenn er nicht mehr Chief Jonas ist?
Heute bin ich Grandpa Jonas. Wir haben drei Enkelkinder, eines davon wurde erst im vergangenen Monat geboren. Wir verbringen sehr viel Zeit mit ihnen. Gelegentlich besuchen wir eines unserer anderen Kinder, unsere jüngste Tochter lebt in Georgia. Im Winter besuchen wir gerne Freunde in Florida. Mein Leben ist heute ganz sicher nicht mehr so aufregend wie in den 43 Jahren davor, das kann ich Ihnen versichern. Aber ich bin dankbar für die Karriere, die ich haben durfte, und für all die Freundschaften, die daraus entstanden sind.
Hand aufs Herz: Nach einem ganzen Berufsleben, in dem Sie immer dorthin gelaufen sind, wo andere vor der Gefahr davonliefen – war es schwierig, einfach aufzuhören?
Ja. Sehr sogar. Ich habe meinen Beruf geliebt. Er war aufregend, herausfordernd und unglaublich erfüllend. Als diese Karriere zu Ende war, hinterließ das ehrlich gesagt ein Loch in meinem Alltag. Aber ich bin sehr dankbar dafür, dass ich dieses Berufsleben haben durfte.
Inzwischen gibt es eine ganze Generation, die nach 9/11 geboren wurde. Was soll ein 20-Jähriger, der dieses Interview im Jahr 2026 liest, über diesen Tag verstehen?
Er sollte verstehen, was damals geschehen ist: Ganz normale Menschen wurden angegriffen – und ganz normale Menschen wie ich gingen hinein, um sie zu retten, und riskierten dabei ihr eigenes Leben. Die Familien jener, die es nicht hinausgeschafft haben, leiden bis heute. Deshalb sollte man so viel wie möglich über diesen Tag lernen und ihn in Ehren halten. Der 11. September ist nicht einfach irgendein Datum im Kalender. Es ist ein ganz besonderer Tag.
Jay, nach allem, was Sie erlebt haben – Tod, Mut, Freundschaft, außergewöhnliches Glück oder Schicksal und fast 43 Jahre, in denen Sie anderen Menschen das Leben gerettet haben: Was hat Sie das Leben darüber gelehrt, worauf es wirklich ankommt?
Man muss seine Familie schätzen und verstehen, wie wichtig ihre Nähe und Zuwendung ist. Und man sollte seine Freunde und Nachbarn so sehr schätzen und genießen, wie man nur kann. Mehr kann man im Leben eigentlich nicht tun. Darum geht es im Leben.
Selbst in den dunkelsten vorstellbaren Momenten zählt also die Menschlichkeit.
Ja. Wir hatten so viele Freunde und Verwandte, die bereit waren, Außergewöhnliches für mich zu tun. Einer von ihnen war ein Mann, mit dem ich gemeinsam eine Little-League-Mannschaft trainiert hatte. Er war gerade als New Yorker Polizist in Pension gegangen. Er wollte in die Stadt fahren, nur um mich dort herauszuholen. New York war abgeriegelt, aber er hatte noch seinen Polizeiausweis und glaubte, damit zu mir durchkommen zu können. Am Ende war ich schneller als er. Er wollte gerade losfahren, kam vorher noch bei uns zu Hause vorbei, um zu sehen, ob Judy in Ordnung war, und da saß ich bereits im Schaukelstuhl in unserer Küche. Er sah mich an und sagte immer wieder: „Du bist hier! Du bist hier! Ich kann nicht glauben, dass du hier bist!“ Menschen, die mich kannten und die Geschichte verstanden, konnten kaum glauben, dass ich das überlebt hatte. Und noch heute melden sich rund um den 11. September viele Menschen bei mir und sagen, sie hätten wieder eine Dokumentation gesehen und könnten immer noch nicht glauben, dass ich am Leben bin.
Jay, vielen Dank für Ihre Zeit. Danke für Ihren Mut. Und danke, dass Sie uns daran erinnern, wie Menschen einander geholfen haben – und wozu Menschen fähig sind, wenn es wirklich darauf ankommt. Vielen Dank.
Danke dir, Georg.
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