Es gibt Orte, die zur Winterzeit in ein ganz besonderes Licht getaucht werden. Wie im Loiretal, und das nicht nur wegen der Pracht seiner weltberühmten Schlösser, sondern auch wegen des Zusammenspiels aus Geschichte, Kunst, Natur und Kulinarik.
Le château de Chenonceau (Foto: JC Coutand/ADT Touraine)
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Wenn sich der „Garten Frankreichs“ in ein Lichtermeer verwandelt, wird jahrhundertealte Kultur und der Zauber der Renaissance lebendig. Im Loiretal verwandeln sich im Winter rund zwanzig Schlösser jedes Jahr zur Weihnachts- und Neujahrszeit in festliche Wunderwelten. Jedes Schloss erzählt dabei seine ganz eigene Geschichte mit winterlichen Pflanzen- und Blumenarrangements oder spektakulären Lichtinstallationen. Im ganzen Tal wurde 2025 zwanzig Jahre „La Loire à Vélo“ gefeiert – die Radroute mit 900 Kilometern flachen, breit ausgebauten Wegen, auch entlang der Loire, der imposanten, zugegeben manchmal nebelverhüllten Lebensader Frankreichs. Man taucht ein in eine Landschaft, die fantastisch reich ist an Schlössern, Weinbergen, verträumten Dörfern und Gärten.
Wir hatten großes Glück, als wir unsere Reise antraten, denn wir trafen auf Reiseführerin Stéphanie. Sie war voll Geschichten über das Loiretal, das seit 25 Jahren zum UNESCO-Welterbe gehört, und über die Menschen hier. Es erstreckt sich über 174 Kilometer von Sully-sur-Loire bis Chalonnes-sur-Loire, mit den wichtigsten Städten Tours, Orléans mit seiner Heldin Jeanne d’Arc, Angers, Blois, Amboise, Saumur, Nantes und Chinon, bekannt für ihre historischen Zentren, viel Wein und natürlich ihre Schlösser.
Château de Maintenon (Foto: Studio Martino)
Château de Maintenonund Chartres. Der erste Stopp unserer Route ist das Château de Maintenon, ein Geschenk von Ludwig XIV. an Françoise d’Aubigné, die Marquise de Maintenon. Die Geschichte ihres Aufstiegs ist erstaunlich: geboren in einem Gefängnis als Tochter eines dort inhaftierten Hugenotten und einer Mutter aus angesehenem Hause, wurde sie schließlich die Geliebte des Sonnenkönigs und hatte sieben Kinder mit ihm. Das Schloss liegt nicht weit von Versailles, etwa fünfzig Kilometer entfernt. Hier hatte Ludwig XIV. 1686 die Idee, Wasser aus dem Eure-Kanal zu den Wasserspielen in den Gärten von Versailles leiten zu lassen. Heute noch steht in Maintenon das zu teure und daher unvollendete Aquädukt.
Gärten und Innenräume folgen in der kalten Jahreszeit einer viktorianischen Ästhetik: große geschmückte Tannen, beleuchtete Parterres, Silhouetten von Geisterfiguren, winterlich-märchenhafte Szenografien. Im Schloss werden Galerien, Bibliothek und Speisesaal dekoriert, es gibt Chöre, Führungen, Workshops und Schokolade in der Orangerie.
Château de Maintenon (Foto: Studio Martino)
Nachmittags geht es weiter zur „Notre Dame“, der Kathedrale von Chartres, sie zeigt sich mit 60 Metern von der Krypta bis zum Nordturm. Das Bauwerk aus der Hochgotik gehört zu den bedeutendsten UNESCO-geschützten Monumenten im Loiretal und ist weltberühmt für seine mittelalterlichen Glasfenster. Über zweihundert Skulpturen stellen das Leben Jesu und Marias dar. Und es gibt eine astronomische Uhr von 1528. Nach Restaurierung ist auch die Saint-Piat-Kapelle wieder zugänglich, der Schatz der Kathedrale mit seinen farbintensiven Glasfenstern der koreanischen Künstlerin Bang Hai Ja. Hier braucht man Zeit – und Handschuhe, es ist kühl im Winter. Chartres selbst ist ein gemütlicher Ort mit Lokalen und viel Winterstimmung, seinen mittelalterlichen Wandmalereien im Viertel Bel Air. Dazu das Lichtfestival „Chartres en lumières“, das die Fassaden am Abend in Farbe taucht.
Moviestar Chambord. Am nächsten Tag wird es gewaltig: Es geht weiter nach Chambord. 1519 wollte Franz I. klotzen und nicht kleckern und begann den aufwändigen Bau von Schloss Chambord. Es sollte einerseits dem Hof als Jagdschloss dienen, doch wichtiger war, mit dem Bau als Symbol der Macht die Leistungsfähigkeit und vor allem die Stärke Frankreichs zu demonstrieren. Das ist gelungen: Chambord ist ein gleichzeitig gigantischer Bau und dennoch verspielt, mit seiner Doppelwendeltreppe im Zentrum des Bergfrieds. Diese Treppe mit doppelter Umdrehung wird Leonardo da Vinci zugeschrieben. Die Konstruktion besteht aus zwei ineinander verschlungenen Treppenläufen, die sich um einen hohlen Mittelkern winden, ohne sich zu kreuzen, sodass zwei Personen gleichzeitig hinauf- und hinabsteigen können, ohne einander zu begegnen. Das ist übrigens ein großer Spaß und muss mehrmals ausprobiert werden. Ein Ausgang bringt uns auf die Dachterrasse. Es heißt, man kann ganz Paris in die Begrenzungen des Areals stellen. Man ist überwältigt von den Eindrücken und sollte sich wirklich viel Zeit nehmen dafür. Kein Wunder, dass das Schloss Drehort oder Inspiration für viele Filme war, wie „Die Schöne und das Biest“, die historische Serie „The Hollow Crown“ oder den Zeichentrickfilm „Cinderella“.
Auf Château de Chenonceau wohnten gleich fünf Königinnen. Deshalb heißt es auch Schloss der Frauen.
Le château de Chenonceau (Foto: JC Coutand/ADT Touraine)
Chenonceau und da Vincis Amboise. Ein für mich besonderes Highlight ist das Château de Chenonceau, das „Schloss der Damen“. Fünf Königinnen wohnten hier oder gingen ein und aus: Elisabeth und Margarete von Valois, Maria Stuart, Elisabeth von Österreich und Louise de Lorraine. Etwa 800.000 Besucherinnen und Besucher kommen jedes Jahr hierher, im Ranking liegt es gleich hinter Versailles. Sein Hauptgebäude steht, von Wasser umgeben, am nördlichen Ufer des Flusses Cher, der von der später errichteten Galerie überbrückt wird. Reich ausgestattet mit Renaissance-Kaminen, flämischen Tapisserien und einer Gemäldesammlung ist es mein Lieblingsschloss geworden; man sagt, es ist das eleganteste, feinste und originellste Loire-Schloss. Selbst Ludwig XIV. logierte hier und schenkte dem damaligen Hausherrn, ganz uneigennützig, ein großes Porträt von sich selbst. Durch Katharina von Medici haben die Gärten etwas Leichtes, Verspieltes, Italienisches. Hier möchte man wohnen.
Le château de Chenonceau (Foto: D. Couinea)
Königsresidenz. Weiter geht es nach Amboise. Das Château Royal d’Amboise liegt auf einem Felsen über der Stadt. Im 15. und 16. Jahrhundert war es eine der wichtigsten königlichen Residenzen Frankreichs und ist eng verbunden mit Franz I. und Leonardo da Vinci. Der Künstler verbrachte seine letzten Lebensjahre im nahe gelegenen Herrenhaus Clos Lucé. Er starb 1519, man vermutet sein Grab in der Schlosskapelle Saint-Hubert.
Château Royal d’Amboise (Foto: JC Coutand/ADT Touraine)
Valençay und Orléans. Am Heimweg macht es noch Sinn, einen Abstecher zum Château de Valençay zu machen, der diplomatischen Residenz des Staatsmannes unter Napoleon, Charles-Maurice de Talleyrand-Périgord. Er war Diplomat während der Französischen Revolution, der Napoleonischen Kriege und des Wiener Kongresses, trotz seines Klumpfußes Charismat mit vielen unehelichen Kindern. Den Abschluss macht der Markt in Orléans mit seiner übergroßen Statue der Jeanne d’Arc, der Jungfrau von Orléans, der französischen Ikone, die 1429 das französische Heer zum Sieg über die Engländer führte und damit den Weg für die Krönung Karls VII. in Reims ebnete.
Orleans (Foto: F. Delong/CRT Centre Val de Loire)
Noch etwas. Was wäre das Loiretal ohne seine kulinarischen Schätze? In den Lokalbistros von Tours oder Amboise, beim Brunch auf Château de Valençay oder beim Winterpicknick im Weingarten von Sancerre. Es riecht nach Trüffel, Ziegenkäse, Wild, Birnen, tausend Gewürzen und dem fantastischen Brot der Region. Dazu ein Glas Crémant de Loire oder ein Chinon. Leben wie Gott in Frankreich einfach.