Der 11. April 2025 war ein wichtiges Datum. Das Stück „Elisabeth!“ hatte Premiere am Wiener Burgtheater. Minutenlange Standing Ovations, ein fulminanter Erfolg. Auf der Bühne ganz alleine: Stefanie Reinsperger, als erste Frau mit einem Solostück am Wiener Burgtheater. Wer weiß, vielleicht schloss sich hier auch ein Kreis, der symbolisiert, mit wie vielen kleinen Meilensteinen die große Schauspielerin es dorthin geschafft hat, wo eine Frau schon längt hingehört hat.
Sie lässt uns starke Frauen sehen. Die Bühnenluft bedeutet Freiheit für sie, mehr als es im echten Leben davon geben konnte. Man darf alles und jede sein, die man will. Die Bühne als Spielplatz, keine Selbsttherapie, aber man kann dort ganz geschützt Dinge rauslassen, die sonst nirgendwohin können. Probt sie eine Zeit lang nicht, wird sie unausgeglichen, es fehlt das Streiten, das Sehen, tiefer Hass, große Liebe, und das in einer nicht gedrosselten Version wie im echten Leben. Sei es Henrik Ibsens und Elfriede Jelineks Nora, die sie spielt, oder die Hilga in Fasching. Stefanie Reinsperger lässt uns diese Frauen sehen: „Ich arbeite sehr gern mit meinem Körper als Instrument und zeige ihn auch gerne.“

2017 und 2018 gab Stefanie Reinsperger die Buhlschaft im Salzburger „Jedermann“. Eine Rolle, für die sie neben begeisterten Kritiken auch Anfeindungen und Morddrohungen erhielt. Trotz dieser Angriffe zeigte sie sich selbstbewusst und mit Engagement. Wollte sich in ihren Rollen und in der Öffentlichkeit für Gleichberechtigung und Diversität einsetzen.
Die Wütende. So einfach ist das aber nicht. Und so sollte es so kommen, dass sie in einer ganz anderen Rolle zu einem Durchbruch kam. Der der Wütenden, der öffentlichen weiblichen Person, die einmal Tacheles redet. Über den Umgang miteinander, an ihrem eigenen Beispiel. Im April 2022 veröffentlichte sie ihr Buch „Ganz schön wütend“ im Molden Verlag. Ihr Schauspielerkollege Manuel Rubey hat sie dazu ermuntert, auch einmal aufzuschreiben, was ihr so passiert. Ein Projekt für die Corona-Pandemiezeit. Und dann schrieb sie die Geschichten auf. Skizziert ihr Leben als Frau, der schon als kleines Mädchen der Körper bewertet wird. Und dann wird aus ihr noch dazu eine, die sich auf die Bühne stellt. Mit einem Körper, nicht ganz in der Norm, wer und wozu auch immer man die bestimmt. Angefangen von den mittlerweile ungezählten Bemerkungen in der U-Bahn bis zu Tipps und durchaus schwer erträglichen Hinweisen auch von Frauen, die vermeintlich „wohlgesinnten“, was denn für sie passender wäre, wie sie zu erscheinen oder zu wirken hätte. Wohl vorrangig für das Auge und das Ego von „entscheidenden“ Männern.
Verstörend. Für jemanden wie Stefanie Reinsperger, die wohlgebettet in ihrer Familie aufwachsen konnte und mit Liebe ausgestattet war, musste es verstörend gewesen sein, wie andere ihre Erscheinung zum Thema machen mussten. Ihr Körper, sprühend, voller Lebenslust und Talent, was daran soll nicht richtig sein? Es kostete Kraft, immer wieder Ungeheuerlichkeiten einstecken zu müssen, egal wie berühmt sie schon war. Sich nicht ablenken zu lassen von dem, worauf es ankommt. Nämlich wer sie ist, was sie kann und auch zu leisten vermag. Und die einfach ihr Leben lebt: „Diejenigen, die solche Kommentare absondern, müssen sich ändern, nicht diejenigen, die sie empfangen.“
Das Buch schlug ein wie eine Bombe, traf den Nerv von vielen Frauen und, ja, sehr wohl auch von Männern. Sie tourte damit durch Medienevents und Fernsehshows, immer mit der Message, dass die gesunde Wut der Frauen auch bedeutet, dass sie sich den Raum schaffen, halt auch laut zu sein. Wie Männer. Die Pandemiejahre hätten aufgezeigt, was genau in der Gesellschaft nicht stimme. So machte sie in ihrem Buch auch die Wut an sich zum Thema, und den Umgang mit diesem manchmal doch überwältigenden Gefühl. Denn Wut könne auch etwas Schönes sein, wie in ihrem Fall als Schauspielerin die „Spielwut“. Frauen werde sie im Privaten aber oft abgesprochen. Dann sei man „hysterisch“. Tatsächlich sollte es nach der Veröffentlichung des Buches so sein, dass sie weniger angefeindet wurde. Es zahlte sich aus, den Mund aufzumachen.
11. April 2025. Und nun also „Elisabeth!“ – am Wiener Burgtheater. Regie führte Fritzi Wartenberg, sie ist die Tochter der bekannten Schriftstellerin Hera Lind, der Text stammt von der österreichischen Autorin Mareike Fallwickl, die beispielsweise in ihrem Roman „Und alle so still“ (2024) veranschaulichte, wie sehr das Patriarchat auf der weiblichen Verfügbarkeit beruht.
Im Verbund entwickelten die drei Frauen das Stück, ihr Ansinnen war, den Blick auf die vermeintlich so bekannte Figur der Elisabeth, Kaiserin von Österreich, einmal nicht aus Männersicht zu geben.
Keine verwirrte Elfe. Sie richten einen vielschichtigen, feministischen Blick auf den Habsburg-Superstar, die als 15-jähriges Kind schlicht zwangsverheiratet wurde. Damit ist Stephanie Reinsperger auch die erste Frau jemals, die ein Solostück am Burgtheater spielt. In ihren Interviews spürt man nun bei ihr ein wenig Hoffnung darüber erglimmen, wie sich die Gesellschaft vielleicht doch einmal entwickeln könnte. Sie selbst richtet den Fokus darauf, zu erkennen, dass die Menschen immer noch lernen müssen, dass Frauen sich den Raum nehmen können, einfach laut zu werden. Oder wütend. Immer noch sei es ganz außergewöhnlich, zum Beispiel eine Probe zu erleben, an der ausschließlich Frauen teilnehmen. Das muss dann gesondert erwähnt werden. Jemals dahin zu kommen, dass so etwas gar nicht mehr auffällt, das wäre ein großes Ziel. Aber: „Die Frauen beginnen jetzt erst mit der Bandenbildung, etwas was die Männer ganz intuitiv tun, um sich beruflich zu stützen.“ Das sei neu und gut: „Umarmt eure Wüte. Akzeptiert eure Wüte. Lernt, mit ihnen umzugehen, und daraus etwas Konstruktives zu machen und in den Dialog zu treten. Weil nur dann werden sich Sachen ändern.“
Brüche. Das Leben der Stefanie Reinsperger begann in Geborgenheit. Geboren 1988 in Baden bei Wien, eine Schwester mit Namen Jasmin. Der Vater arbeitete als Diplomat auch zeitweise in London, also zog die Familie mit. Schon dort begann sie im Kindertheater zu spielen. Seit sie sich erinnern kann, hat sie gespielt, nicht zuletzt, weil schlicht nur am Sonntag Fernsehen geschaut werden durfte, man hatte ja schließlich einen Garten. Mit ihrer Schwester spielten sie Geschichten nach, die sie am Vorabend vorgelesen bekommen haben. Die Prinzessinnen wollte sie weniger spielen, sie stand auf Charaktere und Brüche in den Figuren. Keine schlechten Voraussetzungen für ihren späteren Weg.
Zurück in Wien spielte sie schließlich am Theater der Jugend. Um es nach der Matura in Berlin an der Ernst-Busch-Schauspielschule zu versuchen. Sie wurde nicht aufgenommen und es schien, dass ihr die Lust an dem Traumberuf verging. Also gab es einen Umweg über die Vienna Business School. Über die Zeit sollte sie einmal sagen, dass auch die BWL- oder Management-Präsentationen Schauspiel waren.
Angenommen, wie sie war. Ihre Mutter war es, die sie dazu brachte, sich doch noch an Schauspielschulen zu bewerben. So versuchte sie es an der Universität für darstellende Künste in Wien und am Max Reinhardt Seminar. Und wurde prompt von beiden aufgenommen. Sie entschied sich für Letzteres und sollte später einmal sagen, das wäre der Ort gewesen, wo sie zum ersten Mal so angenommen wurde, wie sie war.

Der Rest ist Geschichte, Stefanie Reinsperger hat eine große Karriere hingelegt: Wiener Volkstheater, Düsseldorfer Schauspielhaus, ab 2014 war sie an der Burg, unter anderem in der Erstaufführung von Elfriede Jelineks „Die Schutzbefohlenen“ oder in „Die lächerliche Finsternis“ unter der Regie von Dušan David Pařízek, die als beste deutschsprachige Aufführung für den Nestroy nominiert wurde. Später sah man sie sogar in der Rolle eines Mannes, Liliom, der seine Frau schlägt und sich bei einem Überfall durch Selbstmord der Verhaftung entzieht. „Arg. Laut. Toll“ sollte „Die Presse“ über sie schreiben. Auch die Film- und Fernsehkarriere zog an: Hauptkommissarin Rosa Herzog im Dortmunder „Tatort“, die Maria Theresia in Robert Dornhelms Fernseheserie, die Miniserie „Haus aus Glas“, in der sie die älteste Tochter einer dysfunktionalen Unternehmerfamilie darstellt. Konflikte zu spielen sei eine schöne Herausforderung, meint sie. Konflikte machen mehr Spaß als Harmonie. Seit 2017 ist sie Mitglied des Berliner Ensembles, kehrte aber 2023 ans Burgtheater zurück.
Rastlos. Ruhelos. Stefanie Reinsperger will Theater spielen mit Verantwortung, ihr geht es mehr als nur um den Ruhm. Sie sieht sich als Rastlose, Ruhelose, die immer mehr will und alles aufsaugt, wie ein Schwamm: „Wir gehen auf die Bühne und tun oder sagen Sachen in aller Öffentlichkeit, die sich die Leute selbst nicht zu tun oder zu sagen trauen, von denen sie vielleicht auch nicht genau wissen, wie sie sie formulieren können oder sollen. Dafür sind wir da. Sonst würde ich mir die Frage stellen: Wieso gehen wir da überhaupt hinaus?“
© 2025 PANAREA Studios, Vienna. The House of CALL Magazine.
Das Gespräch wurde erstmals im CALL Magazin 02/2025 veröffentlicht.



