Als Javier Goyeneche das Modelabel ECOALF gründete, war die Idee ebenso ambitioniert wie simpel: Mode zu entwerfen, die ohne neue Ressourcen auskommt und dabei trotzdem tragbar und ästhetisch anspruchsvoll bleibt. Die Brand, eine Kombination der Namen seiner Söhne Alfredo und Álvaro, ist programmatisch: Es geht um ein Morgen für die nächste Generation. Zu lange schon war die Bekleidungsbranche für Goyeneche eine Repräsentation von Überfluss, Ausbeutung und Umweltzerstörung. „Because there is no Planet B“, so lautet das kompromisslose Motto der Marke. Seit seiner Gründung verfolgt ECOALF das Ziel, natürliche Ressourcen nicht zu verschwenden, sondern im Kreislauf zu halten.
Mode aus Ozeanmüll & PET-Flaschen. Ozeanmüll, PET-Flaschen, alte Fischernetze und Altreifen werden zu neuen Textilien verarbeitet. Statt Greenwashing betreibt das Unternehmen Materialforschung und hat bisher über 600 recycelte Stoffe entwickelt, die ökologisch sinnvoll und tragbar sind. ECOALF begann als Projekt gegen den Überfluss. In Zusammenarbeit mit Fischern sammelt die Marke seit 2015 Plastikmüll vom Meeresgrund, der in einem aufwendigen Verfahren in tragbare Stoffe umgewandelt wird. Mit speziellen Herstellungsverfahren spart das spanische Unternehmen Milliarden Liter an Wasser und reduziert den CO2-Ausstoß. Ein Bekenntnis zur Nachhaltigkeit, das in der Modeindustrie immer noch als Ausnahme gilt. Dass Verantwortung nicht gleich Verzicht bedeutet, zeigen die Kollektionen des Labels deutlich. „Mode muss nicht entweder schön oder nachhaltig sein – sie kann beides“, so Goyeneche. Ein Ansatz, der auch außerhalb der nachhaltigen Szene Aufmerksamkeit findet.

Ein Stilrebell und Enfant terrible. Etwa beim italienischen Unternehmer und Multimillionär Lapo Elkann, Nachfahre der Fiat-Dynastie, der gemeinsam mit ECOALF die neueste Kollektion entwickelt hat. Lapo Elkann ist vieles: Unternehmer, Designer, Provokateur. Der Enkel von Gianni Agnelli, einst einer der mächtigsten Industriellen Europas und Chef von Fiat, gilt in Italien als Inbegriff des Exzentrikers: Er trägt Maßanzüge in grellen Farben, fährt Autos mit Samtinterieur und füllte mit Drogenexzessen und wilden Partys lange Zeit die Schlagzeilen der Boulevardpresse. Gerade weil Elkann lange für eine Ästhetik des Exzesses stand, bekommt sein Engagement für nachhaltige Materialien eine besondere Bedeutung. Es zeigt, dass ökologisches Denken längst nicht mehr nur aus der Aktivisten-Ecke kommen muss. Hinter der Play- und Partyboy-Fassade steckt jemand, der sich als engagierter Ästhet versteht. Mit seiner Stiftung „Libera Academia Progetti Sperimentali“ setzt er sich gezielt für Kinder und Jugendliche ein, vor allem für jene, die mit Herausforderungen wie Dyslexie oder ADHS zu kämpfen haben. Selbst Stilikonen wie die ehemalige „Vogue“-Chefredakteurin Anna Wintour halten große Stücke auf ihn, sie nannte ihn einst den „elegantesten Mann der Welt“.
Eine Haltung, die Gegensätze verbindet. Dass gerade Elkann mit einem Unternehmen wie ECOALF kooperiert, mag für viele zunächst überraschend sein, doch beim genaueren Hinsehen zeigt sich eine gemeinsame Denkweise. Beide stehen für eine Haltung, die Gegensätze nicht ausschließt, sondern verbindet: Form und Funktion. Nachhaltigkeit und Stil. Streetwear und High Fashion. Bereits ihre erste gemeinsame Kollektion, Anzüge aus recyceltem Nylon, sorgte für Aufsehen. Nun folgt der nächste Schritt: Eine Capsule-Collection, die vollständig aus Hanf gefertigt ist.
„Nachhaltigkeit ist wichtig für eine bessere Lebensqualität, aber das bedeutet nicht, dass das Ganze langweilig sein muss“, sagt Elkann. Ein Satz, der sich in der Kollektion widerspiegelt. Die Blazer aus Hanf zeigen, dass Stil nicht zwangsläufig mit Ressourcenverschwendung einhergeht. Produziert wird lokal in Europa, designt in Madrid. Die Farbpalette umfasst Farben wie White Stone, Aquagreen oder Asphalt und orientiert sich an natürlichen Landschaften wie Lavendelfeldern, Sanddünen oder mediterranen Küstenlandschaften.

Ein Stoff mit Zukunft. Im Mittelpunkt der Kollektion steht ein Material, das jahrzehntelang aus dem modischen Fokus verschwunden war. Noch im 19. Jahrhundert gehörte die Hanf-Pflanze zu den weltweit am häufigsten genutzten Rohstoffen für Textilien. Hanf gilt als robust, pflegeleicht und umweltfreundlich. Seine raue Struktur erfordert jedoch einen anderen Umgang mit Design. Er ist schwerer zu verarbeiten als Baumwolle, knittert schnell und braucht Know-how. Was ihn bis heute aus der breiten Mode fernhält, ist aber nicht sein Potenzial, sondern sein Image. Das zunehmend negative Image als Rauschmittel führte dazu, dass Baumwolle und synthetische Fasern heute den Markt dominieren. In den vergangenen Jahren erlebte Hanf nun ein Comeback, besonders in der nachhaltigen Textilindustrie. Hanf vereint wie kaum ein anderes Naturmaterial viele ökologische Vorteile. Die Pflanze benötigt im Anbau deutlich weniger Wasser als Baumwolle, verbessert die Bodenqualität, wächst schnell und ist vollständig biologisch abbaubar. Eigentlich ideal für eine Industrie, die sich „grüner“ geben will, wäre da nicht der Widerspruch zwischen Nachhaltigkeit und Ästhetik. „Zu grob, zu alternativ, zu wenig fashionable“ lauten die Vorurteile. ECOALF zählt zu jenen Marken, die die überholten Klischees in Frage stellen. Die Kooperation mit Lapo Elkann versteht sich als Versuch, dem Material seine ästhetische Relevanz zurückzugeben. Die Kollektion ist klassisch und zeitlos, der Schnitt reduziert, die Silhouette weich und die Verarbeitung hochwertig. Die Stücke wirken nicht wie Kompromisse, sondern wie Statements – ruhig, kontrolliert, fast androgyn. Hanf wird zum stilistischen Gegenentwurf der Fast-Fashion-Ästhetik, auch in puncto Tragekomfort: Er ist atmungsaktiv, temperaturausgleichend und langlebig.
Die Zusammenarbeit von ECOALF und Elkann zeigt, dass sich nachhaltige Mode immer stärker in den Mainstream der Modebranche integriert und nicht länger nur als Nischenprodukt gilt. In einer Branche, die von Überproduktion, Exklusivität und Schnelllebigkeit geprägt ist, entsteht langsam ein neues Verständnis von Luxus. Eines Luxus, der sich nicht mehr nur über Preis, Markenlogo oder Exklusivität defniert, sondern über Herkunft, Qualität, Material und Haltung.
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Die Story wurde erstmals im CALL Magazin 03-04/2025 veröffentlicht



