Anja Ringgren Lovén: Eine stille Heldin unserer Zeit

Es war ein Bild, das um die Welt ging und uns alle fassungslos machte, traurig und wütend zugleich. Denn es zeigte uns, wie in einer Welt voller Überfluss der Tod oft ganz leise und ­unbemerkt kommt – jede Minute, jede Sekunde, dort, wo niemand hinsieht. Es war aber auch ein Bild, das das Leben zweier Menschen für immer verändern sollte: Das der dänischen Entwicklungshelferin Anja Ringgren Lovén und des zweijährigen Jungen, dem sie später den Namen Hope geben sollte und dessen Leben sie rettete. Die OOOM 100-Jury wählte sie dafür 2016 zum inspirierendsten Menschen des Jahres, vor Obama und dem Papst. Eine Story, die um die Welt ging und vieles auslöste: Sie traf den Dalai Lama und den dänischen Premierminister, veröffentlichte ihre Biografie, hielt rund um die Welt Vorträge. Kronprinz Frederik, Dänemarks künftiger König, zeichnete sie diesen Oktober für ihr humanitäres Engagement aus. OOOM traf Anja Ringgren Lovén sieben Jahre später in Aarhus zum Interview. Und zeigt erstmals, was aus Hope, dem kleinen Jungen, dessen Leben sie rettete, wurde. Eine Story mit Happy End.

Georg Kindel
Georg Kindel - Chefredakteur
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Eine stille Heldin: Anja Ringgren Lovén, Platz 8 der aktuellen OOOM 100-Liste und auf Platz 1 2016 (Foto: Brian Bjeldbak für OOOM)

Erinnern Sie sich noch an den Tag im Dezember 2016, als Sie erfuhren, dass unsere OOOM 100-Jury Sie zur inspirierendsten Person der Welt gewählt hat?

Ich konnte es anfangs gar nicht fassen. Es war so eine große Ehre für mich, alle großen Medien berichteten darüber. Mir ist es aber immer schwergefallen, mich als Heldin zu sehen. 2016 war überhaupt ein verrücktes Jahr für mich. Das Bild, auf dem ich Hope Wasser gab, ging viral. Plötzlich wollte die ganze Welt mit mir reden. Ich bin sehr bescheiden, und um meine Arbeit in Nigeria machen zu können, wollte ich auch möglichst anonym bleiben, denn Aufmerksamkeit in einem Land wie diesem ist sehr gefährlich. Andererseits hat uns die Publicity ermöglicht, ein Kinderkrankenhaus zu bauen.

Ein Bild, das uns alle fassungslos machte: Anja Ringgren Lovén mit dem ausgestoßenen "Hexenjungen", den sie später den Namen Hope geben sollte.
Ein Bild, das uns alle fassungslos machte: Anja Ringgren Lovén mit dem ausgestoßenen „Hexenjungen“, den sie später den Namen Hope geben sollte (Foto: Martin Nilsson)

Die Berichterstattung in der Weltpresse über Ihren ersten Platz reichte von CNN bis zum „Independent“.

Ich fühle mich nicht besser als andere, aber eine solche Anerkennung, wie zur inspirierendsten Person der Welt gewählt zu werden, ist natürlich etwas, das einen weiterbringt. Man hat mit so vielen Problemen zu kämpfen, mit ineffektiven Systemen in Nigeria. Ich habe die ganze Zeit bewaffnete Polizisten um mich herum, die mich schützen. Man ist ständig auf der Hut vor jeder Gefahr. Als ich die Nachricht erhielt, dachte ich natürlich, dass auch Barack Obama und der Papst auf der Liste standen, und ich fragte mich: Ist das wirklich wahr? Ich habe dadurch viel Anerkennung von Menschen auf der ganzen Welt bekommen.

Hat die Auszeichnung Ihrer Arbeit geholfen?

Sie hat mir sehr geholfen und viel mehr Aufmerksamkeit verschafft. Heute kann ich vor einem Publikum stehen und sagen, dass ich 2016 zur inspirierendsten Person der Welt gewählt wurde. Darauf bin ich stolz. Seit der Ernennung sind wir von 40 auf heute 92 Kinder angewachsen, deren Leben wir retten konnten und denen wir ein sicheres Zuhause und eine Ausbildung geben. Sechs oder sieben Dokumentarfilme wurden darüber gedreht. Ich habe meine Biografie veröffentlicht, Seine Heiligkeit den Dalai Lama getroffen, der dänische Premierminister hat mich eingeladen. Ich wurde zu vielen Konferenzen eingeladen und bin um die Welt gereist. Meine Biografie wurde das meistgehörte Hörbuch in Dänemark. Als  Buch ist sie gerade in Polen erschienen. 

Anja Ringgren Lovén, Gründerin der Hilfsorganisation Land of Hope
Anja Ringgren Lovén, Gründerin der Hilfsorganisation Land of Hope (Foto: Brian Bjeldbak für OOOM)

Was geschah alles, seit Sie Hope gerettet haben?

Wir begannen 2013 mit unserer Arbeit, zwei dänische Dokumentarfilme hatten sich ihr bereits gewidmet, einer hieß „Heroes of Hell“. Im Jahr 2016 wusste fast jeder in Dänemark über meine Arbeit Bescheid. Aber nach der Rettung von Hope wusste es die ganze Welt. Mein Mann David und ich hatten bereits 2015 Land gekauft, auf dem wir Schulen, Krankenhäuser und ein großes Kinderzentrum bauen wollten. Wir dachten, dass wir es vielleicht innerhalb von fünf Jahren schaffen. Aber durch die Rettung von Hope und Ihre Auszeichnung haben wir alles bereits in zwei Jahren bauen können. Heute ist das Land of Hope Children‘s Center in Nigeria das größte private Kinderzentrum in ganz Westafrika.

Wie fanden Sie Hope?

Die ganze Story lesen Sie jetzt im neuen OOOM als ePaper.

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Georg Kindel ist Chefredakteur von CALL.