Die Sehnsucht nach einem langen, gesunden Leben hat eine milliardenschwere Industrie hervorgebracht, um Antworten auf eine wesentliche Frage zu finden: Wie lassen sich die Grenzen des Alterns verschieben? Wie kann man länger gesund leben? Doch während sich die Aufmerksamkeit oft ausschließlich auf den Körper richtet, gerät eine entscheidende Frage leicht aus dem Blick: Wie gesund können wir überhaupt bleiben, wenn unsere Umwelt zunehmend unter Druck steht?
Genau hier setzte die medizinische Fortbildungstagung „Fastenmedizin, Longevity & One Health: Ernährung, Mikrobiom und Umwelt im Gleichgewicht“ im Retreat & Health Resort Marienkron im burgenländischen Mönchhof an. Unter der Moderation von Birgit Fenderl diskutierten Fachleute aus Medizin und Wissenschaft, wie eng individuelle Gesundheit, Tierwohl und ökologische Lebensbedingungen miteinander verflochten sind.
One Health: Ein Perspektivenwechsel mit Konsequenzen
One Health beschreibt einen holistischen, ganzheitlichen Ansatz, der die Gesundheit von Menschen, Tieren und die Erhaltung der Umwelt nicht getrennt, sondern als zusammenhängendes System begreift. Was zunächst abstrakt klingt, berührt unseren Alltag unmittelbar: die Qualität unserer Nahrung, die Luft, die wir atmen, der Umgang mit Medikamenten und die Folgen steigender Temperaturen haben direkte Auswirkungen auf unseren Organismus.
Dr. Franz Prettenthaler, Direktor des Zentrums für Klima, Energie und Gesellschaft LIFE bei Joanneum Research, zeigte in seinem Beitrag zu Planetary Health, wie stark klimatische Veränderungen die Gesundheit beeinflussen. Insbesondere Hitzebelastungen können für ältere Menschen und Personen mit Herz-Kreislauf- oder Atemwegserkrankungen gefährlich werden. Zugleich eröffnen sich Synergien: Pflanzenbetonte Ernährung und aktive Mobilität können sowohl der persönlichen Gesundheit als auch dem Klima zugutekommen. Und einen simplen Rat an Architekten und Stadtplaner hat Dr. Prettenthaler auch noch: Lasst uns die Dächer begrünen!
Planetary Health Diet. Was überrascht sind die zwei größten Verursacher persönlicher Emissionen, die den individuellen CO₂-Fußabdruck eines jeden von uns prägen und die der Experte bei der Tagung konkret nannte: Jeder Mensch verursacht durch Mobilität jährlich 3,2 Tonnen CO₂ und durch Ernährung 2,2 Tonnen CO₂ (das deutsche Bundesumweltministerium und das Umweltbundesamt nennen leicht abweichend 2 Tonnen CO₂ durch Mobilität und 1,5-1,7 Tonnen CO₂ durch Ernährung).
Was wir essen und wie wir uns ernähren hat also einen signifikanten Einfluss auf unsere Umwelt. Kein Wunder, das es auch eine „Planetary Health Diet“ gibt, ein von der EAT-Lancet-Kommission entwickelter, wissenschaftlich fundierter Ernährungsplan, der gleichermaßen die Gesundheit des Menschen und die Belastungsgrenzen des Planeten schützen soll: Pflanzenbetont, wenig verarbeitete Lebensmittel, tierische Lebensmittel nur in kleinen Mengen, wenig Zucker und Salz.
Wenn die Umwelt im Darm ankommt
Wie komplex diese Wechselwirkungen sind, wurde beim Thema Mikroplastik deutlich. Univ.-Prof. Dr. Vanessa Stadlbauer-Köllner erläuterte, dass experimentelle Untersuchungen mögliche Veränderungen des Darmmikrobioms und von Stoffwechselprozessen durch Kunststoffpartikel zeigen. Welche konkreten gesundheitlichen Risiken daraus für Menschen entstehen, ist allerdings noch nicht abschließend geklärt. Statt Alarmismus plädierte die Tagung für wissenschaftliche Differenzierung und die Reduktion vermeidbarer Belastungen.
Die Fakten sind trotzdem ernüchternd: 446.000 Tonnen (!) Kunststoff werden jedes Jahr in Deutschland in die Umwelt freigesetzt, erklärte Stadlbauer-Köllner in ihrem Vortrag. 330.000 Tonnen davon sind Mikroplastik, so die Studie des deutschen Fraunhofer-Instituts für Umwelt-, Sicherheits- und Energietechnik. Auch die Zahlen der Europäischen Umweltagentur (EEA) für Österreich sprechen eine klare Sprache: 2022 sind in Österreich 3.321 Personen an den Folgen des Feinstaubs in der Luft, den wir einatmen, gestorben. Besonders gefährlich: sogenannte PM 2,5-Partikel, die kleiner als 2,5 Mikrometer sind, also 30 Mal dünner als ein menschliches Haar.
Während die Mikroplastik-Belastung bei PET- und PP-Flaschen (Polypropylen) bekannt ist, schilderte Expertin Stadlbauer-Köllner auch von neuen Untersuchungen, die andeuten, dass selbst in Glasflaschen Mikroplastik zu finden ist (die Studie läuft noch).
Auch Antibiotikaresistenzen illustrieren die Tragweite des One-Health-Gedankens. Univ.-Prof. Dr. Clair Firth verdeutlichte anhand der Tiermedizin, warum der verantwortungsvolle Einsatz von Antibiotika, Überwachung und Infektionsprävention nicht allein veterinärmedizinische Fragen sind. Resistente Erreger machen an den Grenzen zwischen Mensch, Tier und Umwelt nicht halt. Gesundheitsvorsorge wird damit zu einer gemeinsamen gesellschaftlichen Aufgabe.
Acht Faktoren für ein längeres Leben
Was bedeuten all diese Erkenntnisse für die viel diskutierte Wissenschaft des gesunden Alterns? Dr. Corina Madreiter-Sokolowski und Dr. Kristina Hütter-Klepp gaben Einblicke in die Zellbiologie des Alterns, etwa in die Rolle der Mitochondrien und altersbedingter Zellveränderungen. Vielversprechende Forschungsansätze stehen jedoch häufig noch am Anfang. Umso wichtiger sei es, zwischen wissenschaftlicher Perspektive und bereits belegter Prävention zu unterscheiden.
In einer Welt, wo 2050 jeder Fünfte über 60 Jahre alt sein wird, sterben heute noch immer zwei Drittel an Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krebs. In Gesundheit leben Männer im Schnitt nur 63,1 Jahre ihres Lebens, Frauen 64,7 Jahre. Bei einer stetig steigenden Lebenserwartung besteht hier also dringender Handlungsbedarf. Was sind Faktoren, die unser Leben nicht nur verlängern, sondern auch die Jahre, in denen wir gesund leben?
Anti-Aging-Strategien. Dr. Kristina Hütter-Klepp nennt acht wesentliche Faktoren als Anti-Aging-Strategie, die die Lebensspanne laut einer US-Studie („Impact of 8 lifestyle factors on mortality and life expectancy among United States veterans: The Million Veteran Program“), für die die University of Illinois die Daten von mehr als 700.000 US-Veteranen im Alter von 40 bis 99 Jahren analysiert hat, sogar um 20-24 Lebensjahre (!) verlängern können:
- Kein Rauchen
- Regelmäßige Bewegung
- Kein übermäßiger Alkoholkonsum
- Ausreichend Regeneration und Schlaf
- Pflanzenbetonte Ernährung
- Soziale Interaktion
- Stressreduktion
- Keine Abhängigkeit von Opioiden (ein Faktor, der in den USA ein Problem ist, nicht jedoch in Europa)
Die überzeugendsten Hebel sind oft erstaunlich unspektakulär: regelmäßige Bewegung, Kraft- und Ausdauertraining, ausgewogene Ernährung, erholsamer Schlaf, Stressregulation und tragfähige soziale Beziehungen.
Das Longevity-Gen. Und noch etwas verspricht spannende weitere Forschungen: Das FOX03-Gen (Forkhead-Box-Protein 03), das bei zahlreichen Menschen jenseits der 100 Lebensjahre gefunden wurde. Es gilt in der Genetik als einer der am besten belegten und konsistentesten Schlüsselfaktoren für Langlebigkeit beim Menschen. FOX03 ist eine Art zellulärer Regulator, der anscheinend zahlreiche Schutzprogramme im Körper steuert wie die Autophagie und die DNA-Reparatur. Wie es aussieht, lässt sich FOX03 durch gezieltes Fasten, Bewegung und gesunden Schlaf positiv beeinflussen, um so länger biologisch jung zu bleiben. In Japan leben bereits über 100.000 Hundertjährige, und bei vielen wurde dieses Gen nachgewiesen. „Eines ist sicher“, schloss Dr. Kristina Hütter-Klepp ihren Vortrag in Marienkron: „Gesundes Alter entsteht nicht in der Ordination“. Es liegt an uns selbst.
Prim. Univ.-Prof. DDr. Michael Lehofer ergänzte diese medizinische Sicht um eine philosophische Frage: Was nützen zusätzliche Jahre, wenn Sinn, Nähe und Lebensfreude fehlen?
Ernährung als wesentlicher Therapiefaktor
Prim. Univ.-Prof. Dr. Ludwig Kramer, der als Gastroenterologe seit Jahrzehnten im Bereich des menschlichen Mikrobioms und darmgesunder Ernährung forscht, widmete sich insbesondere auch der Frage, welche entzündungsfördernde Ernährungsfaktoren zu vermeiden sind. Ganz oben auf der Liste: Zucker und industrielle Zusatzstoffe. Zusammenhänge zwischen Nahrungsmittelintoleranzen und Zusatzstoffen in unserer Nahrung – auch in Fertigprodukten – und der Umwelt bestehen.
Ein wesentlicher Schwerpunkt von Prof. Kramers wissenschaftlicher Arbeit liegt auf der Erforschung, wie eine gestörte Darmbarriere und ein verändertes Mikrobiom Entzündungen triggern können, die maßgeblich zur Entstehung von Krankheiten wie einer nichtalkoholischen Fettleber beitragen. Ernährung als Therapie ist ein ganz wesentlicher Faktor: Er belegt, dass gezielte Lebensstiländerungen und eine ballaststoffreiche Ernährungsmedizin chronische Darmerkrankungen sowie metabolische Störungen nachweislich lindern können.
Marienkron als Ort des Dialogs
Das Retreat & Health Resort Marienkron, dessen Wurzeln in der Kneipp-Tradition liegen, versteht sich heute auch als Plattform für wissenschaftlichen Austausch. Geschäftsführerin Elke Müller betonte den Anspruch, neue Erkenntnisse in eine evidenzbasierte und individuell abgestimmte Gesundheitsbegleitung zu übersetzen. Drei Säulen sind dabei für Marienkron wesentlich:
- Reset & Reduktion
Fasten mit Genuss - Recharge/Detox/Longevity
- Retreat/Balance
Anders als andere Resorts stellt Marienkron Genuss vor Dogma: Eine nachhaltige Lebensstiländerung muss nicht immer mit Verzicht einhergehen. „Fasten und gesunde Kulinarik mit Genuss sind kein Widerspruch“, ist Elke Müller überzeugt: „Auch Ruhe ist Genuss“.
Die Ärztliche Leiterin, Dr. Ulrike Göschl, ordnete medizinisch begleitetes Fasten als möglichen Baustein einer umfassenden Präventionsstrategie ein – nicht als Universallösung. Ob Fasten sinnvoll ist, hängt von der persönlichen gesundheitlichen Situation ab: „Unser Ziel ist nicht, dem Leben um jeden Preis mehr Jahre hinzuzufügen, sondern die gesunden Lebensjahre zu verlängern. Fasten kann dabei ein wichtiger medizinischer Impuls sein – vorausgesetzt, es wird individuell abgestimmt und professionell begleitet. Entscheidend ist aber immer das Zusammenspiel aus Ernährung, Bewegung, Regeneration und seelischer Balance. Die Tagung hat eindrucksvoll bestätigt, dass nachhaltige Gesundheitsprävention nicht auf spektakulären Anti-Aging-Versprechen beruht, sondern auf wissenschaftlich fundierten Maßnahmen, die Menschen auch im Alltag umsetzen können.“
Die vielleicht wichtigste Erkenntnis der Tagung reicht weit über das Resort hinaus: Healthy Longevity lässt sich nicht auf die Optimierung einzelner Blutwerte oder Zellen reduzieren. Wer über die Zukunft eines gesunden Lebens spricht, muss ebenso über Klima, Ernährungssysteme, Tiergesundheit und gesellschaftliche Verantwortung sprechen. Nicht ewige Jugend ist das überzeugende Ziel, sondern mehr Jahre, die sich tatsächlich gut leben lassen.



