Sie haben mit Ihrem revolutionären Gitarrensound Musikgeschichte geschrieben. Ein Jahrhunderthit wie David Bowies „Heroes“ wäre ohne Ihre markante Gitarre nicht denkbar. Von Peter Gabriel über Talking Heads bis zu Ihrer eigenen Band King Crimson haben Sie die Musik der letzten Jahrzehnte beeinflusst – und mit sehr amüsanten YouTube-Musikvideos mit Ihrer Frau Toyah eine völlig neue Zielgruppe erreicht.
Danke. Den Reaktionen im Internet nach zu urteilen waren viele Leute anfangs etwas überrascht, mich in einem Tutu am Ende unseres Gartens am Fluss Avon tanzen zu sehen. Sie empfanden das als überraschendes Verhalten für einen Gitarristen, den sie für eine sehr ernste Person hielten. Der Hintergrund für „Toyah & Robert’s Sunday Lunch“ war ganz einfach: Hier in England hatte 2020 gerade der COVID-Lockdown begonnen, und die Angst auf den Straßen war greifbar. Wir leben hier in einem georgianischen Haus, der Keller stammt wahrscheinlich aus dem Jahr 1660, die Vorderseite des Hauses wurde 1760 angebaut. Wir befinden uns inmitten einer georgianischen englischen Marktstadt. An einem Abend in der Woche um sechs Uhr gingen alle Bewohner der Häuser auf den Bürgersteig, um ihre Unterstützung für den „National Health Service“ zu bekunden. Die Angst auf der Straße war greifbar. Es ist sehr schwer, dieses Ereignis und diesen beängstigenden Moment heute wiederzugeben.
Musste Sie Ihre Frau Toyah zu den Videos nötigen?
Meine Frau bestand darauf, dass ich mitmache. Sie sagte, es sei die Verantwortung von Künstlern, die Menschen in schwierigen Zeiten aufzumuntern. Das ist das oberste Ziel von „Toyah & Robert“. Als meine Frau sagte: „Hier ist ein Tutu, zieh es an, wir gehen in den Garten“, habe ich gehorcht.

Ihr Durchbruch war Anfang der Siebzigerjahre mit dem ersten King-Crimson-Album. Wie hätte sich Ihre Karriere entwickelt, wenn es damals bereits das Internet und die Errungenschaften der modernen Musik gegeben hätte?
Die ehrliche Antwort ist, dass ich mir das unmöglich vorstellen kann. Soziale Medien verschaffen dem Künstler Zugang zu einem breiten Publikum, relativ unbeeinflusst von einer regierenden Instanz. Es gibt ein gewisses Maß an Freiheit, sich mit der eigenen Stimme an die Öffentlichkeit zu wenden. Wenn wir zurückgehen, haben wir mit King Crimson ein sehr großes Publikum erreicht, als wir beim Hyde Park Festival im Juli 1969 als Vorgruppe der Rolling Stones auftraten. Da waren 650.000 Menschen. Sie kehrten heim und erzählten von dieser neuen Band namens King Crimson, die sie gesehen hatten. Das war 1969 unser Äquivalent zu den sozialen Medien.

Der legendäre Atlantic- Records-Gründer Ahmet Ertegun hat King Crimson für Nordamerika unter Vertrag genommen, was zu einer Reihe bahnbrechender Alben führte, beginnend mit „In the Court of the Crimson King“.
Das waren damals Leute aus der Musikbranche, aber sie waren Musikleute. Als Ahmet uns fragte: „Wollt ihr zu Atlantic Records kommen?“, antwortete ich: „Ja, denn die Musik steht für uns an erster Stelle.“ Und er wusste: „Das ist eine Band für uns.“ Heute zählt Erfolg vor der Musik. In den fünf Jahrzehnten dazwischen haben sich die Rollen von Musik und Geld als treibende Kraft umgekehrt.

Ihr Musikstil war revolutionär. Wie haben Sie diesen damals völlig neuen Sound geschaffen?
Der Sound hat uns gefunden. Die Musik erschafft den Musiker – nicht umgekehrt. Innerhalb der prägenden Formation von King Crimson war die Struktur wie in einer Kooperative: Wir haben alles geteilt. Niemand stellte seine persönlichen Interessen über die der anderen. Die große Erleuchtung kam für mich im Jahr 1967, als ich all die verschiedenen Musikrichtungen hörte: Bartók, Streichquartette, den frühen Strawinsky, die Beatles, Hendrix, Parker, all diese unterschiedlichen Musikformen. Für mich war es, als würde ein Musiker in verschiedenen Körpern eine Sprache in verschiedenen Dialekten sprechen. Mit anderen Worten: Musik ist eins. Das war meine Erfahrung, und das war der Zeitgeist. Unter den jungen Musikern gab es damals keine Kategorien. Es war schlicht Musik. Das führte mich zu der Frage: Wenn Jimi Hendrix das Bartók-Streichquartett spielen würde, wie würde das klingen?
Jimi Hendrix war ein Fan von Ihnen.
Hendrix hatte offensichtlich von unserem Auftritt im Speakeasy im April 1969 in London gehört. Er kam, um uns zu sehen, und wir erfuhren das erst nach unserem ersten Set. Wir waren in der Garderobe, und dieser Mann kam strahlend auf mich zu, gekleidet in einen weißen Anzug, den rechten Arm in einer weißen Schlinge. Das Auffälligste, woran ich mich bei meiner Begegnung mit Hendrix erinnere, war seine Ausstrahlung. Er kam mit einem breiten Lächeln und sagte: „Gib mir die linke Hand, Mann. Die ist näher an meinem Herzen.“ Es gibt noch eine Ergänzung zu dieser Geschichte: Als King Crimson 1981 in den Island Studios nahe der Portobello Road Aufnahmen machten, ging ich vom Portobello Hotel zum Studio, und auf dem Weg dorthin gibt es eine Buchhandlung. Da ich ein lebenslanger Leser und Bibliophiler bin, ging ich rein, und die Frau hinter der Theke war Loretta, die Schwester unseres ersten Schlagzeugers. Sie sagte: „Erinnerst du dich noch, als Hendrix euch im Revolution Club in Mayfair besucht hat?“ Ich sagte: „Ja, natürlich.“ Und sie fuhr fort: „Wusstest du, dass ich am Tisch neben Hendrix saß?“ Ich sagte: „Nein.“ Sie antwortete: „Doch. Hendrix sprang auf und ab und rief: ‚Das ist die beste Band der Welt!‘“

Ihr Gitarrenspiel ist auf mehr als 700 Alben zu finden, von David Bowie, Blondie, Talking Heads bis Peter Gabriel. Was hat sich am Musikgeschäft damals und heute am meisten verändert?
Die größte Veränderung liegt für mich in den Live-Auftritten. Früher waren Bands, die erfolgreiche Platten hatten, auch erfolgreiche Live-Performer. Heute ist das anders: Man kann erfolgreiche Alben machen, ohne live etwas zu bieten zu haben und umgekehrt. Für mich standen Live-Auftritte immer im Mittelpunkt von King Crimson und meines eigenen Musiklebens. Wenn man auf die Bühne geht und mit dem Publikum interagiert, passiert etwas, was in keinem anderen Kontext möglich ist. Ich vergleiche das mit einem Liebesbrief: So sehr ich mich über einen Liebesbrief von meiner Frau freue, würde ich sie doch lieber in meine Arme schließen. Wenn man vor einem Publikum auf die Bühne tritt, ist das ein einzigartiges Ereignis. Es wird in dieser Form nie wieder passieren. Diese Situation wird sich nie wiederholen. Sie ist hier und jetzt. Man muss ganz im Moment sein. Der Lebensweg kann sich aufgrund der Kraft dieses Moments verändern. Mit anderen Worten: Live-Auftritte gehen weit über das hinaus, was man professionell erreichen kann.
Wie wird künstliche Intelligenz unsere Musik verändern? Wird man Robert Fripp oder die Wiener Philharmoniker eines Tages durch KI ersetzen können?
Wenn Brian Eno (Anm.: britischer Musikproduzent und Innovator, der den Sound von Roxy Music, Bowie bis U2 prägte) heute Mitte 20 wäre, würde dieses junge, kreative Genie mit der neuen Technologie namens KI etwas völlig Neues erschaffen, das wir uns heute nicht vorstellen können. Mit anderen Worten: Es braucht junge, kreative Genies, die KI als Teil ihrer Instrumentalität und ihres funktionierenden Lebens annehmen, um etwas zu schaffen, dessen Entstehung wir nicht vorhersehen können. Es wird einen jungen Menschen geben, irgendwo da draußen in der Welt, den ich jetzt noch nicht kenne, der KI durchschauen und sie in gewisser Weise als eine Form von Quantenkreativität betrachten kann. Es wird eine Art einheitliche Umarmung von allem sein, was verfügbar ist. Was es sein wird, weiß ich nicht. Wir haben KI. Für Menschen ohne Vorstellungskraft werden die Ergebnisse miserabel sein. Wenn sie kreative Genies nutzen, werden wir staunen über das, was sie hervorbringen wird.
Das „Rolling Stone“-Magazin hat Sie unter die 100 größten Gitarristen aller Zeiten gereiht, mit „Guitar Craft“ unterrichten Sie junge Gitarristen und geben Ihr Wissen an sie weiter. Was ist die wichtigste Botschaft, die Sie ihnen mitgeben?
Man muss präsent sein. Bin ich jetzt hier, in diesem Körper, in diesem Moment? Bevor wir etwas tun, tun wir nichts. Nichts zu tun bedeutet, einen stillen Punkt in uns zu finden. Das ist der Ausgangspunkt bei Guitar Craft. Wir beginnen mit uns selbst, dann gehen wir zum Instrument über. Wir bewegen uns in das Instrument hinein. Das Instrument bewegt sich in uns. So entsteht die Beziehung zueinander. Von der Beziehung zum Instrument gehen wir über zu unserer Beziehung zum Repertoire, das wir spielen, und dann dazu, die Musik anzunehmen. Beim Erlernen des Repertoires spielen wir die Noten, wir bewegen uns in den Noten, und schließlich bewegen sich die Noten in uns. Um uns mit Musik zu beschäftigen, brauchen wir ein Publikum. An diesem Punkt ändert sich alles: Das Erlernen eines Instruments, der Musik wird zu einer authentischen musikalischen Erfahrung.

Meditation ist dem sehr ähnlich, weil sie mit nichts beginnt: Alles ist im Nichts.
Ja, das ist richtig. Das ist schon seit 50 Jahren Teil meiner Praxis. Bei Guitar Craft ist Stille ein sehr wichtiger Grundsatz. Nun, konventionell bedeutet Stille Ruhe. Doch Stille ist etwas ganz anderes. In der Stille liegt Unendlichkeit. Die allerbeste Musik ist ein Aspekt der Stille. Musik entsteht aus der Stille. Bevor es Musik gibt, müssen wir in die Stille eintreten.
Braucht man nicht Talent dazu?
Es gibt Musiker, die eine Beziehung zur Musik haben, bei denen Musik schon immer ein Teil von ihnen war. Das hat mich erstaunt, dass Musiker dieses Talent haben können. Bei mir war es immer harte Arbeit. Meine Disziplin hält mich aufrecht. Wenn ich mich hier halten und ausreichend still sein kann, schaffe ich Raum für Stille, damit sie in den Raum treten kann. Wenn Stille in den Raum tritt, ist das eine Fülle von Realität. Alles ist potenziell vorhanden, aber das wissen Sie ja. Wir sprechen hier jetzt für Ihre Leser.

Wir leben in schwierigen Zeiten: Trump in den USA, Krieg in der Ukraine, weniger als 500 Kilometer von den österreichischen Grenzen entfernt Destruktion. Musik hatte immer einen großen Einfluss auf uns Menschen. Was kann Musik in Zeiten wie diesen bewirken?
Zunächst einmal müssen wir präsent sein. Das ist der Anfang. Wenn wir nicht präsent sind, ist alles nur Fantasie. Bin ich im Hier und Jetzt? Das Zweite ist: Die verrückte Außenwelt ist ein Ergebnis dessen, was in uns ist. Was sagt das über unser Innenleben aus, wenn das die Außenwelt ist? Wie kann Musik die Welt verändern? Musik verändert die Welt, indem sie mich innerlich verändert. Wenn ich ein Gefühl für die Realität der Musik in mir habe, verändert sich etwas in mir. Es gibt mir, wenn man so will, ein Kriterium, das ich auf die Außenwelt anwenden kann. Das ist real. Wenn sich etwas in mir verändert, weil ich mich mit Musik beschäftige, weil ich mich mit Stille beschäftige, dann hat sich tatsächlich etwas verändert. Der nächste Schritt ist, dass der Künstler nicht verzweifeln darf. Jeder vernünftige Mensch mag in seltsamen und unsicheren Zeiten verzweifeln, aber Hoffnung ist unvernünftig, und Liebe ist sogar noch größer als das. Das sind die Kriterien und Eigenschaften, mit denen wir uns beschäftigen, und dann gehen wir hinaus in die Welt. Wenn wir uns die Ukraine ansehen: Als ich 1977 in Berlin in den Hansa Studios arbeitete (Anm.: mit David Bowie an „Heroes“), war der Kalte Krieg keine 500 Kilometer entfernt. Er war vor der Tür, wenn man aus dem Fenster schaute, 300 Meter entfernt an der Mauer mit den ostdeutschen Maschinengewehrgeschützen. David Bowie hat mich durch den Checkpoint Charlie nach Ostberlin gebracht. Als ich bereits einige Jahre früher, 1973, mit King Crimson in Deutschland arbeitete, frühstückte ich in unserem bescheidenen Motel. An der Grenze flogen ständig amerikanische Flugzeuge auf und ab. Ich glaube, das war ein Teil der Faszination, die Berlin auf David Bowie ausübte. Es war die Grenzzone. Es war das Dazwischen, der unsichere Ort.
Das In-Between?
Dieser Zwischenraum ist der Ort, an dem die Handlung stattfindet, an dem etwas passiert. Ja, wir haben Präsident Trump, der die Ordnung der letzten 80 Jahre komplett auf den Kopf stellt. Während wir unser Leben in diesem Moment erleben, befinden wir uns in diesem Zwischenraum. Die Vergangenheit ist nicht mehr so, wie wir sie verstanden haben. Wir sehen noch keine Zukunft, die sich bereits abzeichnet oder gar etabliert, unsere Erfahrungen liegen dazwischen. Wie würde ein Künstler vorgehen? Es ist eine Chance. Wir befinden uns in einer Situation, die noch nicht festgelegt ist. Jetzt gibt es Raum für kreatives Handeln. Wie gehen wir damit um? Zunächst einmal, indem wir präsent sind. Zweitens, indem wir offen sind für alle kreativen Möglichkeiten, die sich uns als Künstler bieten. So kommen wir voran. Das ist eine Chance, die wir schon lange nicht mehr hatten, wo alles offen ist.
Ist das nicht beängstigend?
Sicher, aber für einen Künstler, der an die Musik glaubt, nicht. Das ist eine Chance. Darin liegt Hoffnung. Wir haben das Selbstvertrauen. Musik verschwindet nie. Wir verschwinden. Vielleicht schwankt unsere Aufmerksamkeit, doch Musik verschwindet niemals. Das ist eine wichtige Erfahrung in meinem Leben als Musiker und als Mensch. Im Juni 1981, an meinem zweiten Morgen in New York, wachte ich auf und zwei Katzen sprangen über meinen Kopf und weckten mich mit ihren Stimmen. In diesem Moment wurde mir klar, wie Musik in unser Leben kommt. Ich wusste mit Sicherheit, dass Musik niemals verschwindet. Ich mag verschwinden – die Musik wird immer da sein.
© 2025 PANAREA Studios, Vienna. The House of CALL Magazine.
Das Gespräch wurde erstmals im CALL Magazin 02/2025 veröffentlicht.




