Die Astronauten Chris Hadfield & Franz Viehböck: Jenseits des Horizonts

Es war ein historisches Zusammentreffen zweier Astronauten, die Geschichte geschrieben haben, im neuen CALL Studio in Wien-Währing: Colonel Chris Hadfield, der ­dreimal ins All flog und mit David Bowies Song „Space Oddity“, den er auf der ISS sang, Millionen Menschen begeisterte, traf den einzigen Österreicher, der jemals ins All flog, Franz Viehböck, für das neue CALL-Format „Sofatalks“.

Georg Kindel
Georg Kindel - Chefredakteur
12 Minuten Lesezeit
Die Astronauten Chris Hadfield (r.) und Franz Viehböck zu Gaste bei CALL (Foto: CALL/Roland Unger)

Es war ein Zusammentreffen zweier alter Freunde, die eine gemeinsame Geschichte verbindet: Sie beide haben unsere Erde schwerelos aus dem All gesehen, die Verletzlichkeit des blauen Planeten und die unendliche Dunkelheit, die uns umgibt. Österreichs einziger Astronaut, Franz Viehböck, heute CEO der Berndorf AG, traf in der CALL-Redaktion in Wien-Währing im neuen­ ­CALL Studio auf seinen kanadischen Kollegen Chris Hadfield zur ersten Folge der „Sofatalks“, einem neuen Gesprächsformat, das ab Jänner 2026 auf mehreren Kanälen zu sehen sein wird.

Colonel Chris Hadfield, Kommandant der Internationalen Raumstation, bei einem seiner Weltraumspaziergänge (Foto: Canadian Space Agency CSA)
Colonel Chris Hadfield, Kommandant der Internationalen Raumstation, bei einem seiner Weltraumspaziergänge (Foto: Canadian Space Agency CSA)

2.650 Erdumrundungen. Colonel Hadfield war 21 Jahre lang Astronaut, flog dreimal ins All, war Kommandant der Internationalen Raumstation ISS, wo er 166 Tage verbrachte, legte 112 Millionen Kilometer in der Schwerelosigkeit zurück und umkreiste dabei 2.650 Mal die Erde. Er wurde zum wohl bekanntesten Astronauten unserer Zeit, als er auf der Internationalen Raumstation ISS David Bowies Hit „Space Oddity“ sang, ein Video, das allein auf YouTube 56 Millionen Mal angesehen wurde: „David Bowie gefiel meine Version extrem gut. Es war das erste und einzige Musikvideo, das jemals im All gedreht wurde.“ Hadfield besuchte CALL, da er zum bereits zweiten Mal in der jährlichen „CALL 100“-Liste der inspirierendsten Menschen der Welt, die von einer internationalen Jury gewählt wird – darunter Designer Stefan Sagmeister, MAK-Direktorin Lilli Hollein und Galerist Thaddaeus Ropac –, zu finden ist.

Wie lange kennen Sie ein­ander und was bewundern Sie am jeweils anderen?

Franz Viehböck: Wir haben uns wahrscheinlich vor 20 Jahren kennengelernt. 

Chris Hadfield: Es gibt einen Berufsverband für Astronauten, für alle, die die Welt umkreist haben. Er heißt „Association of Space Explorers” – und über diesen Verband haben wir uns kennengelernt. Ich war der Präsident und Franz war Gastgeber für ein Treffen des gesamten Verbands hier in Wien. Wir haben uns seitdem viele Male getroffen. Was ich an Franz am meisten bewundere, ist die persönliche Initiative, die er gezeigt hat, um seine Ziele zu erreichen. Um ins All zu fliegen, musste er unglaublich hart arbeiten, nicht nur Russisch lernen, nicht nur ein relativ neues Raumschiff fliegen und eine komplexe Mission erfolgreich durchführen, sondern das auch noch als Erster seines Landes bewerkstelligen. Er hat eine Kraft und die Fähigkeit, Dinge zu verwirklichen, die ich wirklich bewundere. 

Viehböck: Eigentlich hat er mir den größten Teil meiner Rede weggenommen [lacht]. Wenn man sich Chris’ Karriere ansieht, zuerst Testpilot (Anm.: für über 100 Flugzeugtypen bei der US Air Force), dann Astronaut, Kommandant der Internationalen Raumstation ISS – aus professioneller Sicht ist es einfach unglaublich, was er geleistet hat. Aber eigentlich schätze ich ihn am meisten als Mensch. Er ist ein wunderbarer Freund, man kann sich auf ihn verlassen. Und wie er in unserem Verband mit Chinesen, Russen, Amerikanern, Europäern umging… 

Hadfield: Sogar mit Österreichern!

Viehböck: Sogar mit Österreichern [lacht], mit unterschiedlichen Sprachen, Kulturen und Mentalitäten, so hat er das wunderbar gemacht. 

Die Astronauten Franz Viehböck (l.) und Chris Hadfield zu Gast im neuen CALL Studio der PANAREA Studios in Wien-Währing bei der ersten Ausgabe der CALL „Sofatalks“ (Foto: CALL Magazine/Roland Unger)
Die Astronauten Franz Viehböck (l.) und Chris Hadfield mit Moderatorin Elisabeth Sereda zu Gast im neuen CALL Studio der PANAREA Studios in Wien-Währing bei der ersten Ausgabe der CALL „Sofatalks“ (Foto: CALL Magazine/Roland Unger)

Haben Astronauten bestimmte gemeinsame Persönlichkeitsmerkmale?
Hadfield:
Ich war 21 Jahre lang als Astronaut für die kanadische Weltraumagentur, die NASA und fünf Jahre lang in Russland für Roskosmos tätig. Ich habe bei mehreren Astronautenauswahlen mitgeholfen, wenn ein Land beschlossen hat, nationale Astronauten auszuwählen, wie beim letzten Mal in den Vereinigten Staaten, wo sich 9.000 Menschen beworben haben und 10 übrig geblieben sind. Und dieser Filter, der am Ende bestimmte Personentypen aussortiert, führt meiner Meinung nach unabhängig vom Land dazu, dass ähnliche Menschen ausgewählt werden: Ein Gefühl der Demut, ein wirklich starker innerer Antrieb, Selbstvertrauen, aber auch ein richtig starkes Gefühl für die Mission und die Fähigkeit, sich selbst an zweite Stelle und immer das Ziel, das man verfolgt, an erste Stelle zu setzen, das zeichnet sie alle aus. Ich denke also, dass es hier auf der Erde einen sehr außergewöhnlichen Club von Menschen gibt, die sich dafür entschieden haben, Astronaut zu werden. Wenn wir alle zusammenkommen, stelle ich fest, dass es viel mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede gibt.

Viehböck: Wenn wir zusammenkommen, ist es wie ein Familientreffen. Und selbst die Jungen, die jedes Jahr neu hinzukommen, sind wie wir alle vom gleichen Schlag. 

Wir flogen gerade im All über die Adria und meine Frau fragte mich per Video: Siehst du den Rauch der Bomben auf Dubrovnik?

Wie hat der Weltraum Ihre Sichtweise auf die Welt, Ihr eigenes Leben und die Menschheit verändert?

Viehböck: Natürlich ist ein Flug ins All ein einzigartiges Erlebnis. Als ich im Oktober 1991 im All war, ist am Tag meines Starts, wenige Stunden danach, meine Tochter geboren worden. Ich war damals auf der MIR (Anm.: eine von der Sowjetunion erbaute bemannte Raumstation). Ich flog zur Raumstation und nach ein paar Tagen im All organisierten sie eine Videokonferenz mit meiner Frau, was damals eine große Sache war. Sie brachten sie vom Krankenhaus zum Technischen Museum in Wien, unser Präsident war auch dort. Wir hatten diesen Videoanruf, als wir gerade über Europa flogen, entlang der Adria, entlang der kroatischen Küste. Ich sehe hinab, ich sehe die Inseln und ich bin begeistert. Ich bin im siebten Himmel und erzähle das meiner Frau, und plötzlich fragt sie mich, ob ich auch den Rauch der Bomben gesehen habe, die gerade auf Dubrovnik abgeworfen wurden (Anm.: im Kroatien­krieg). In dem Moment, in dem wir über Dubrovnik fliegen – mit sieben Kilometern pro Sekunde – schaue ich nach unten. Ich habe den Rauch der Bomben nicht gesehen. Ich sah schönes Wasser. Ich sah Land. Ich sah keine künstlichen Grenzen. Ich sah keinen Krieg. Aber es hat mir zu denken gegeben: Was machen wir Menschen eigentlich? Uns gegenseitig bekämpfen? Wozu? 

Astronaut Franz Viehböck, heute CEO der Berndorf AG (Foto: CALL Magazine/Roland Unger)
Österreichs einziger Astronaut Franz Viehböck, heute CEO der Berndorf AG (Foto: CALL Magazine/Roland Unger)

Ich hatte das Glück, bei drei Raumflügen 2.650 Mal die Welt zu umrunden, und das macht mich zu einem ewigen, überzeugten Optimisten.

Hadfield: Ich denke, diese Krisenherde auf der Welt, wo sich Menschen so schlecht benehmen, gab es schon immer. Wir sind von Natur aus keine friedliche Spezies. Unsere nächsten Verwandten im Tierreich, die Schimpansen, führen Kriege, begehen Völkermord und Mord. Wir sind nicht so weit von ihnen entfernt. Wir haben es geschafft, eine schöne Gesellschaft und kulturelle Regeln aufzubauen. Wenn man an Bord eines Raumschiffs ist und nach unten sieht, wo wir uns in unserem schlimmsten tierischen Verhalten der Selbstzerstörung befinden, dann ist das Schöne daran, dass man in den nächsten 90 Minuten während einer Erdumrundung alles andere auch sehen wird. Das ist ungemein beruhigend und fördert den Realismus. Denn man kann sich völlig in die Negativität eines Krisenherdes in der Welt verstricken und dabei vergessen, dass die anderen 8,3 Milliarden Menschen einfach nur versuchen, ihr Leben zu leben, mit dem ganz normalen Ziel, etwas Frieden und Anmut und Lachen zu finden und ihren Kindern ein etwas besseres Leben zu ermöglichen. Ich hatte das Glück, bei drei Raumflügen 2.650 Mal die Welt zu umrunden, und das macht mich zu einem ewigen, überzeugten Optimisten.

Sie haben tief ins All geblickt, weit über unsere Grenzen hinaus. Wie sehen Sie unsere Zukunft?

Viehböck: Wenn man mit Kollegen aus verschiedenen Nationen ins All fliegt, dauert es nur wenige Minuten, bis man vergisst, nach unten zu schauen und Grenzen zu sehen. Man wird zu Freunden, die gemeinsam auf denselben Heimatplaneten schauen. Das ist eine Erfahrung, die viele Astronauten beschreiben: den Impuls, friedlich zusammenzuarbeiten. Wenn man sich heute die Internationale Raumstation ansieht, dann ist sie meiner Meinung nach eines der wenigen Projekte, bei denen immer noch Amerikaner, Russen, Japaner, Kanadier und Europäer zusammenarbeiten und sich helfen, trotz der  Kriege auf der Erde. Wenn die Amerikaner Probleme haben, helfen ihnen die Russen. Wenn die Russen Probleme haben, helfen ihnen die Amerikaner im Weltraum. Es ist also möglich.

Colonel Chris Hadfield, der wohl bekannteste Astronaut der Welt (Foto: CALL Magazine/Roland Unger)
Colonel Chris Hadfield, der wohl bekannteste Astronaut der Welt (Foto: CALL Magazine/Roland Unger)

Hadfield: Wenn ich versuche, die Zukunft vorherzusagen, ist das kompliziert. Ich schaue auf die Vergangenheit, und was mir wirklich den größten Trost und die größte Hoffnung gibt, ist, dass wir als Spezies seit Hunderttausenden von Jahren hier sind. Mit der Erforschung des menschlichen Genoms können wir uns jetzt ein reales Bild davon machen, wie alt unsere Spezies ist und wie sie sich aus anderen Spezies, die es gab, entwickelt hat. Irgendwie haben wir es also geschafft, mit unseren Schwächen und unserer Dummheit und unseren guten Eigenschaften mindestens 300.000 Jahre zu überleben, und das war nie einfach. Es war immer eine existenzielle Bedrohung. Wir haben schreckliche Zeiten durchlebt, mit Seuchen und Dingen, die aus dem Weltraum kamen, die auf die Erde stürzten, Vulkanausbrüchen und Kriegen, die wir selbst verursacht haben. Und doch sind wir immer noch hier und finden immer noch Wege zur Zusammenarbeit. Die Raumstation ist ein großartiges Beispiel dafür, denn jeder auf der Erde kann einfach nach oben schauen und sagen: „Hm, manchmal können wir doch etwas richtig machen.“ Vielleicht finden wir also einen Weg, das auch an die nächste Generation weiterzugeben.

Wenn ich nochmals die Möglich­keit bekäme, würde ich sehr gerne zum Mond fliegen. Davon habe ich schon mit neun Jahren geträumt.

Wenn Sie noch eine weitere Mission ins All unternehmen könnten, wohin würden Sie reisen wollen? Und was möchten Sie der Menschheit zurückgeben?

Hadfield: Als ich mich zum ersten Mal entschied, Astronaut zu werden, war ich neun Jahre alt. Und wie jeder Neunjährige war ich von etwas inspiriert, das jemand anderer tat. Ich war inspiriert von den Menschen, die zum ersten Mal zum Mond flogen. In meinem Herzen wollte ich mein ganzes Leben lang zum Mond fliegen und auf dem Mond spazieren gehen. Wenn ich nochmals die Möglichkeit bekäme, würde ich sehr gerne zum Mond fliegen. Was das Zurückgeben angeht: Ich war der glückliche Nutznießer dessen, was die NASA in den 1960er- und 1970er Jahren geleistet hat. Sie hat ihr Wissen für alle zugänglich gemacht. Sie teilte ihre Erfahrungen, um Millionen von Menschen auf der ganzen Welt zu inspirieren. Ich glaube, ich habe das von Anfang an verinnerlicht, und deshalb habe ich immer mein Bestes gegeben:  sei es beim Gitarrespielen, beim Schreiben von Büchern, bei Vorträgen in Wien, bei einem Fernsehformat wie CALL oder beim Unterrichten an einer Universität. Alles, was ich tue, ist meiner Meinung nach eine Art Gegenleistung, um dieses Verständnis davon zu vermitteln, wo wir in der Geschichte stehen. Aber auch, dass es möglich ist, sich selbst zu verändern und erstaunliche Dinge zu erreichen, wenn man sich einen Traum setzt und seinen Weg geht. Wenn ich also das Glück hätte, nochmals zu fliegen und zum Mond zu reisen, würde ich mein Bestes geben, um das mit allen zu teilen.

Viehböck: Für mich wäre der Mond dasselbe Ziel wie für Chris. Zum Mars zu reisen wäre interessant, aber wahrscheinlich nicht mehr zu meinen Lebzeiten möglich.

Hadfield: Ich glaube, wir sind noch nicht bereit, zum Mars zu fliegen. Es gibt noch einige Herausforderungen, die es zu bewältigen gilt. Es müssen noch einige Technologien entwickelt werden, damit Menschen diese Reise überleben und dorthin gelangen können. Man hat nur ein bestimmtes Zeitfenster, in dem die Reise etwa sechs Monate dauert. Dann muss man dort bleiben und sechs Monate später zurückfliegen. Bis all das passiert, glaube ich nicht, dass mein Körper noch in der Verfassung sein wird, das zu bewältigen [lacht].

Chris Hadfield singt im CALL Studio für die neue Sendung „Sofatalks“ den David-Bowie-Hit „Space Oddity“ (Foto: CALL Magazine/Roland Unger)
Chris Hadfield singt im CALL Studio für die neue Sendung „Sofatalks“ den David-Bowie-Hit „Space Oddity“ (Foto: CALL Magazine/Roland Unger)

Welche persönlichen Gegenstände haben Sie mit ins All genommen? 

Hadfield: Ich bin dreimal ins All geflogen, und je nachdem, in welcher Rakete man sitzt, gibt es unterschiedliche Regeln dafür, was man mitnehmen darf. Das Space Shuttle war wie ein großer Lastwagen. Es konnte eine Menge Zeug transportieren. Man konnte also Sachen aus der Schule und von der Familie mitnehmen, zum Beispiel die Militärmedaille meines Urgroßvaters. Und dann hat mein Bruder ein Lied geschrieben, und ich hatte das Blatt Papier mit diesem Lied dabei. All diese schönen kleinen persönlichen Dinge. Dann konnte man sie am Fenster schweben lassen, ein Foto von ihnen mit der Erde im Hintergrund machen und sie dann wieder mitbringen.

Viehböck: Ich hatte nicht so viel Glück, ich bin nicht mit dem Shuttle geflogen, sondern mit einer Sojus-Rakete, in der man nur sehr begrenzt Gepäck mitnehmen kann. Ich hatte offizielle persönliche Gegenstände dabei, die mir von der österreichischen Regierung zur Verfügung gestellt wurden. Das waren Mozartkugeln, Tiroler Schinken und andere Spezialitäten aus Österreich, die ich der Besatzung der Raumstation mitgebracht habe. Dann hatte ich noch meine persönlichen Sachen dabei, die, wenn ich mich recht erinnere, insgesamt etwa 230 Gramm wiegen durften. Sie werden es nicht glauben, aber ich nahm eine Musikkassette mit. Darauf war Musik von Fritz Gulda, aber auch „The Dark Side of the Moon“ von Pink Floyd und natürlich „Rocket Man“. Außerdem hatte ich ein spezielles Getränk dabei, das ein Freund von mir, der eine Hütte in den Bergen besitzt, selbst entwickelt hat. Ich habe ihm versprochen, dass ich ein bisschen davon mit zur Raumstation nehmen würde. Es ist alkoholisch. Also habe ich eine Flasche für Augentropfen genommen [lacht], sie geleert, das Zeug hineingefüllt, es mit ins All genommen. 

An Bord der Raumstation haben wir keinen Kühlschrank, keinen Herd, keinen Backofen, keinen Gefrierschrank und keine Mikro­welle. Wie soll man da gutes Essen zubereiten?

Ich habe einmal bei der NASA Weltraumessen probiert. Es war nicht sehr gut. 

Hadfield: Ich fliege ja nicht wegen des Essens ins All. Man kann selbst kaum etwas mitnehmen, nur eine winzige kleine Packung. Sie versuchen es nahrhaft zu machen, aber es muss monatelang oder sogar jahrelang haltbar sein und kann nicht gekühlt werden. An Bord der Raumstation haben wir keinen Kühlschrank, wir haben keinen Herd, keinen Backofen, keinen Gefrierschrank und keine Mikrowelle. Wie soll man da gutes Essen zubereiten? Man nimmt einfach ein kleines Päckchen und legt es in einen kleinen Easy-Bake-Ofen. Das erwärmt die Packung. Man schneidet sie auf und dann isst man alles aus der Packung. Man braucht keinen Teller, weil alles vom Teller wegschweben würde. Es ist also wie ein Campingausflug mit Sachen, die man in den Rucksack werfen kann. Ich bin gesund zurückgekommen. Aber es ist sicher kein Restaurant.

Viehböck: Auf der anderen Seite genießt man das Essen, wenn man hungrig ist, und man isst ja mit der Crew zusammen. Klar, das Essen ist anders. Es gibt es in Tuben, als Säfte oder dehydrierte Lebensmittel. 

Hadfield: Schokolade ist toll, weil sie so kompakt ist. Sie nimmt nicht viel Platz weg und hält lange. Also haben wir alle kleinen Schokoriegel und Schokoladenbehälter mit Klettverschluss versehen. Wir hatten einfach eine Wand voller Schokolade. Wenn man dann vorbeischwebte, konnte man sich einfach ein Stück abbrechen. Es gibt dort oben auch ein paar Leckereien.

Hadfield und Viehböck mit CALL-Herausgeberin Christina Zappella-Kindel im neuen CALL Studio (Foto: CALL Magazine/Roland Unger)
Hadfield und Viehböck mit CALL-Herausgeberin Christina Zappella-Kindel im neuen CALL Studio (Foto: CALL Magazine/Roland Unger)

Was war Ihr größter Höhepunkt im Weltall – und Ihr größter Moment der Angst?

Viehböck: Wie gesagt wurde ich wenige Stunden nach dem Start Vater, was ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht wusste. Ich wurde nur darüber informiert, dass meine Frau ins Krankenhaus gebracht worden war, erst am nächsten Morgen erfuhr ich davon. Aber ganz Österreich wusste es bereits, weil in den Medien darüber berichtet wurde. Aber sie durften uns nicht wecken, als die Nachricht Mission Control in Moskau erreichte. Die Nachricht versetzte die gesamte Crew in einen Zustand der Euphorie. Wir hatten zwar einige kleinere Probleme, aber da die Stimmung im Team so gut war, konnten wir sie lösen. Ich hatte im All eigentlich nie einen Moment der Angst.

Hadfield bei seiner Europatournee „A Journey Into The Cosmos“ im Dezember 2025 (Foto: Starmus/Max Alexander)
Hadfield bei seiner Europatournee „A Journey Into The Cosmos“ im Dezember 2025 (Foto: Starmus/Max Alexander)

Während meines ersten Weltraumspaziergangs war ich durch eine Verunreinigung im Anzug eine halbe Stunde lang auf beiden Augen blind. 

Hadfield: Es ist interessant, denn man bereitet sich am Boden vor, trainiert in Simulatoren für alle möglichen Notfallsituationen, und dann ist der eigentliche Flug fast langweilig, weil nichts passiert ist [lacht]. Natürlich ist es aufregend, wenn man abhebt, keine Frage. Aber das war weit entfernt von Angst oder Panik. Angst und Gefahr sind zwei verschiedene Dinge. Im Englischen neigen wir dazu, Angst und Gefahr als dasselbe Wort zu behandeln. Wir sagen zum Beispiel: „Oh, das ist eine beängstigende Sache.“ Dinge sind nicht beängstigend. Manchmal haben Menschen Angst. Aber das beste Mittel gegen Angst ist Kompetenz. Wenn man zum Beispiel Fahrradfahren lernt, ist das anfangs gefährlich. Aber wenn man es einmal gelernt hat, muss man keine Angst mehr haben. Und eine Sojus oder ein Space Shuttle ist nur wie ein wirklich kompliziertes Fahrrad. Man muss also nur lernen, dass dies ein Risiko ist, das man eingehen möchte, und dann lernen, wie man damit fliegt. Das vielleicht Gefährlichste, was mir passiert ist, war, dass ich während meines ersten Weltraumspaziergangs durch eine Verunreinigung im Anzug blind wurde. Ich war etwa eine halbe Stunde lang auf beiden Augen blind, während ich draußen bei meinem ersten Weltraumspaziergang war. Aber in Wirklichkeit ist man jedes Mal, wenn man blinzelt, blind, und man stirbt nicht. Nur weil man nichts sehen kann, heißt das nicht, dass die Welt untergegangen ist. Wir haben für den Fall einer Handlungsunfähigkeit trainiert und dafür, uns gegenseitig zu retten. Alles ging gut aus.

Fahrradfahren zu lernen ist am Anfang gefährlich. Aber wenn man es mal kann, muss man keine Angst mehr haben. Ein Space Shuttle ist wie ein kompliziertes Fahrrad.

Erlebten Sie Momente der Euphorie im All?

Hadfield: Der euphorischste Moment für mich war während eines Weltraumspaziergangs. Als wir in der Dunkelheit südlich von Australien ankamen, während ich draußen war, durchquerten wir die südlichen Polarlichter. Sie strömten um das Schiff und um mich herum, zwischen meinen Beinen. Und wissen Sie, man sieht sie vom Schiff aus und macht Fotos aus dem Fenster. Aber draußen in den Polarlichtern zu sein, konnte ich einfach nicht glauben, dass mir das in meinem Leben passiert. Normalerweise hätte man das Licht an und die Pupillen wären klein, und man würde es nicht einmal sehen, weil man keine Nachtsicht hätte. Aber ich hatte zufällig das Licht ausgeschaltet, weil ich am Ende des Roboterarms saß, und ich sah, wie wir durch die Polarlichter flogen. Es war nur eine Minute, aber wahrscheinlich die erstaunlichste Minute meines Lebens.

Franz Viehböck, CALL-
Herausgeberin Christina 
Zappella-Kindel und CALL-
Chefredakteur Georg Kindel mit Chris Hadfield, der Bücher für CALL signiert (v.l.n.r., Foto: CALL Magazine/Roland Unger)
Franz Viehböck, CALL-Herausgeberin Christina Zappella-Kindel und CALL-Chefredakteur Georg Kindel mit Chris Hadfield, der Bücher für CALL signiert (v.l.n.r., Foto: CALL Magazine/Roland Unger)

Schwerelosigkeit ist so viel besser als die Schwerkraft. Man kann überall hin­fliegen. Man hat Superkräfte. Man wird Superman.

Welche irdische Gewohnheit mussten Sie im Weltraum ablegen, und was haben Sie am meisten vermisst, als Sie wieder auf der Erde gelandet sind?

Hadfield: Wir haben Trainingsgeräte auf der Raum­station, und das ist die einzige Gelegenheit, bei der man Schuhe anzieht. Wir haben Laufschuhe dort oben, ansonsten geht man in Socken oder barfuß herum. Sie wissen ja, wie man auf der Erde Schuhe anzieht. Als ich das im All zum ersten Mal gemacht habe, bin ich in der Station herumgestolpert, weil ich meine Socken gesucht habe.  Ich habe meinen Laufschuh genommen und ihn direkt neben mir schweben lassen. Dann konzentrierte ich mich auf den anderen Schuh und schnürte ihn, aber nicht ein einziges Mal in fünf Monaten war der Laufschuh noch da, wenn ich mich umdrehte. Ich fragte mich immer: „Wo ist der andere Schuh geblieben?“ Jedes Mal. Ich habe mir gesagt: „Am Ende meiner fünf Monate hier oben werde ich das gut können.“ Man muss also ein Leben in Schwerelosigkeit neu lernen. Es dauert eine Weile, aber wenn man erst einmal gut in der Schwerelosigkeit ist, ist es so viel besser als die Schwerkraft. Man kann einfach überall hinfliegen. Man hat Superkräfte. Man wird von einem Moment zum anderen zu Superman oder zur Superwoman. 

Die Astronauten Franz Viehböck (l.) und Chris Hadfield zu Gast im neuen CALL Studio der PANAREA Studios in Wien-Währing bei der ersten Ausgabe der CALL „Sofatalks“ (Foto: CALL Magazine/Roland Unger)
Die Astronauten Franz Viehböck (l.) und Chris Hadfield zu Gast im neuen CALL Studio der PANAREA Studios in Wien-Währing bei der ersten Ausgabe der CALL „Sofatalks“ (Foto: CALL Magazine/Roland Unger)

© 2026 PANAREA Studios, Vienna. The House of CALL Magazine.
Das Gespräch wurde erstmals im CALL Magazin 06/2026 veröffentlicht.

Sofatalks als erste Serie:
Das neue CALL Studio

Das neue CALL Studio in Wien-Währing hat das Flair eines Wohnzimmers – ideal für Couchgespräche zwischen Menschen, die sich schätzen und mögen. Entsprechend wurde auch das Studio designt:

Pedro Almodóvar-Kollektion von Roche Bobois

Zentrales Element des CALL Studios sind die von Oscarpreisträger Pedro  Almodóvar für Roche Bobois designten Möbel: Bubble Sofa und Sessel (Farbe: Ciel), Teppich Volver Cromática mit Blumenmuster, Stehleuchten Confettis, Ovni Up Tisch

Das zentrale Bild im Studio

Robert Schaberl: ZF light turquoise and deep blue dance with purple 2-3

2022, Format 130×130 cm

Das neue CALL Studio
Das neue CALL Studio mit der Pedro Almodóvar-Kollektion von Roche Bobois und dem monumentalen Bild von Robert Schaberl

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Georg Kindel - Profilbild
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Georg Kindel ist Chefredakteur von CALL.